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Blog von Studienleiter Jörgen Klußmann

500 Jahre Reformation - und jetzt? In seinem neuen Blogbeitrag lädt Jörgen Klußmann zum Gespräch darüber ein.

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Gewitterwolken. Foto: Pixabay Gewitterwolken. Foto: Pixabay

Persönlicher Blogbeitrag zu den aktuellen Entwicklungen in Israel

„Wer den Wind sät…“

„Wer den Wind sät…“ - so heißt ein Buch des ehemaligen Zeit-Nahost-Korrespondenten Michael Lüders, doch so könnte auch die Überschrift der letzten Episode von US-Präsident Trumps Nahost-Politik lauten.

Mit der Entscheidung Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen hat er unnötig Öl ins Feuer des bis dahin schwelenden Konflikts zwischen Palästinensern und dem jüdischen Staat gegossen. Die Beziehungen zwischen den beiden Kontrahenten sind ohnehin völlig festgefahren. Der historische Schritt Trumps bringt zwar Bewegung in die Fronten, doch wohin kann und soll das führen? Eine neue Intifada? Noch mehr Anschläge oder Raketenangriffe? Die Bilanz ist jetzt schon wieder ernüchternd: Tote und Verletzte im sogenannten Heiligen Land, Proteste von Muslimen überall auf der Welt – einschließlich Flaggenverbrennung – auch in Deutschland – ein Debakel!

Die Reaktionen der islamischen Welt auf Trumps Entscheidung sind einmütig
Immerhin sind die Reaktionen der islamischen Welt in der Palästinafrage seit langer Zeit wieder einmal geschlossen: Man ist sich einig, dass die USA ihren Status als „ehrlicher Vermittler“ verloren haben. Noch ist kein Zusammenhang zwischen dem jüngsten Attentat in New York und Trumps Politik hergestellt worden, doch es ist leider nicht unwahrscheinlich, dass weitere folgen werden.

Der US-Präsident zeigt sich als Erzkonservativer mit Verbindungen in die rechte Szene
Zynisch betrachtet hat der Präsident damit ein Wahlversprechen an seine jüdischen Mitbürger, aber vor allem auch an seine radikal-evangelikale Gefolgschaft eingelöst, ganz abgesehen davon, dass er seine familiären Bande gestärkt hat. Kein US-Präsident hat sich jemals zuvor so klar als Erzkonservativer mit guten Verbindungen in die rechte Szene geoutet, die sich in großen Teilen mit dem radikal-evangelikalen Spektrum überschneidet. Diese Community ist im Übrigen ein weit größerer Förderer der israelischen Siedlerbewegung als die jüdisch-amerikanische Gemeinde, die in Teilen auch als progressiv und israelkritisch gilt, doch vor allem gegen die Nationalisten unter Netanjahu ist.

Ist eine Zwei-Staaten-Lösung näher denn je?
Die Anweisung Trumps, die Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen und damit nahezu alle Karten auf den Tisch zu legen, könnte sich in gewisser Weise aber als Bumerang erweisen und sogar dazu führen, dass eine Zwei-Staaten-Lösung näher denn je gerückt ist. Denn wer soll die Palästinenser nun noch davon abhalten, (endlich) ihre Souveränität zu erklären und dem bisherigen palästinensischen Autonomiegebiet die Autorität eines eigenen Staates zu verleihen? Doch mit welcher Hauptstadt? Die Palästinenser beanspruchen Ostjerusalem schon immer als ihre Kapitale. Dies wurde ihnen auch international durch die Vereinten Nationen zugesichert, falls es jemals dazu kommen sollte. Doch dieser Schritt scheint mit der Entscheidung des US-Präsidenten näher gerückt zu sein, denn auch Israels Premier Netanjahu hat dies seinerseits zum Anlass genommen, klar zu machen, dass Jerusalem „schon immer“ die Hauptstadt von Israel gewesen sei.

Jerusalem, Felsendom, im Hintergrund die Grabeskirche. Bildnachweis: Wikipedia Commons Jerusalem, Felsendom, im Hintergrund die Grabeskirche. Bildnachweis: Wikipedia Commons

Rückblick: Die wechselhafte Geschichte Jerusalems
„Schon immer“ - das heißt nach seinem Verständnis schon seit biblischen Zeiten – eben die Stadt Davids mit dem Tempel Salomons, der von Nebukadnezar zerstört wurde und von Herodes erneut aufgebaut wurde und von dem heute nur noch die Grundmauern – die Klagemauer - erhalten ist, nachdem Titus ihn 70 n- Chr. im so genannten Jüdischen Krieg zerstören ließ. Doch was ist in der Zwischenzeit passiert?

Nach der Vertreibung der Juden aus dem Heiligen Land fällt Jerusalem faktisch mit der Reichsteilung an das Oströmische Reich Byzanz. Die persischen Sassaniden erobern es zwar für kurze Zeit im 7. Jahrhundert, bevor die Römer es wieder einnehmen können, bevor es schließlich kurz danach, 637 n. Chr., vom 2. Kalif Umar im Namen des Islam eingenommen wird. Mit den Kreuzzügen gelingt es im 12. Jahrhundert  die islamische Herrschaft durch eine christliche für knapp zweihundert Jahre zu unterbrechen, doch das Land und die Stadt fallen nach Saladins Belagerung wieder an die Muslime. Erst mit dem Sieg über das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg schließlich endet die lange Phase der Zugehörigkeit zum islamischen Großreich. Es folgt die Periode britischer Besatzung, die wiederum kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung des modernen Staates Israels 1949 ebenfalls ihr Ende findet. Seitdem sind fast 60 Jahre vergangen – was wird also als nächstes kommen?

Keine andere Hauptstadt ist so religiös aufgeladen wie Jerusalem
Kaum eine Stadt ist weltpolitisch so von Bedeutung und religiös so aufgeladen gewesen wie die Metropole Jerusalem. Ob sie für ewig und immer die Hauptstadt Israels bleiben wird, ist ebenso fraglich wie ihre Heiligkeit. Freilich mag es dort heilige Stätten geben, doch offensichtlich ist die Menschheit bis jetzt nicht bereit gewesen, dies zum Anlass zu nehmen, um zumindest dort einen heiligen Frieden zu halten – im Gegenteil!

Jerusalem – demnächst eine geteilte Hauptstadt?
Wie immer die Zukunft der Stadt aussieht, vermutlich wird es absehbar darauf hinauslaufen, dass Jerusalem nicht nur die Hauptstadt Israels, sondern auch die Hauptstadt Palästinas sein wird. Ob die Stadt dann geteilt sein wird so wie das Land – dank der Mauer, die Israel in den letzten Jahren errichtet hat -  steht in den Sternen.

Zum Schluss meine Zukunftsvision: Jerusalem als Stadt der religiösen Toleranz
Doch vielleicht wird Jerusalem eines schönen Tages wirklich eine Heilige Stadt sein, in der es nicht mehr wichtig ist, ob man Israeli oder Palästinenser, Jude, Araber, Muslim oder Christ, Afrikaner, Europäer oder Asiat ist, weil man sowohl das eine als auch das andere sein darf statt entweder - oder.

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Klußmann, ms / 14.12.2017



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