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Blog von Studienleiter Jörgen Klußmann

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Ein Vortrag von Dr. Ute Scheub

Warum Gewalt gegen Frauen den Weltfrieden gefährdet

Denkanstöße

Frauen in Kabul. Foto: Lizette Potgieter/medica mondiale Frauen in Kabul. Foto: Lizette Potgieter/medica mondiale

Gewalt gegen Frauen gefährdet den Weltfrieden?
Das sei zugegebenermaßen eine steile These, räumte Dr. Ute Scheub zu Beginn ihres Vortrags zum gleichlautend Thema ein.

Sie hat den Vortrag auf der Tagung "Hoffnung auf Frieden und Angst um die Frauenrechte in Afghanistan" gehalten, die am 30. November und 1. Dezember 2012 in der Akademie stattgefunden hat. Die Tagung wurde ausgerichtet von medica mondiale und der Akademie.  

Im ersten Teil Ihres Vortrags führt Ute Scheub Gründe für ihre These auf, im zweiten Teil geht sie näher auf den Zusammenhang zwischen dem angestrebten Friedensprozess in Afghanistan und den Frauenrechten ein.

Dabei kommt sie zu folgendem Resümee:

Bei der internationalen Konferenz auf dem Petersberg 2001 stand die Frauenfrage schlicht nicht auf der Tagesordnung 
"Nach dem Ende von Kriegen stehen gemeinhin die Fenster der Möglichkeiten für eine Neuverhandlung der Gesellschafts- und Geschlechterordnung sperrangelweit offen. Die herkömmlichen Herrschaftsstrukturen sind zerstört, neue konnten sich noch nicht entwickeln. Doch bei der internationalen Konferenz in Petersberg im Dezember 2001 stand die Frauenfrage - trotz der damals schon verabschiedeten UN-Resolution 1325, die die gleichberechtigte Teilnahme von Frauen auf allen Ebenen von Friedensprozessen fordert - schlicht nicht auf der Tagesordnung, und es waren nur zwei Frauen von der Fraktion des Königs und der Nordallianz am Katzentisch der Konferenz zugelassen. Im Schlussdokument hieß es vage, die künftige Regierung solle „sensibel“ für die Gleichberechtigung der Geschlechter sein und ein Frauenministerium errichten.  

Es wäre möglich geweseen, Demokraten und Menschenrechtlerinnen in die Übergangsregierung zu bringen
Dabei wäre es möglich gewesen, unter anderem unter Berufung auf Resolution 1325, Demokraten und Menschenrechtlerinnen in die Übergangsregierung zu bringen, um ein Gegengewicht zu den Radikalislamisten zu schaffen. Man hätte sie auch in den Folgejahren demonstrativ fördern können. Man hätte demokratische Parteien unterstützen können. Man hätte den afghanischen Staat föderal von unten aufbauen können, statt – ein weiterer Kardinalfehler – auf eine autoritär-zentralistische Präsidialherrschaft zu setzen, die in diesem zerklüfteten Land schon aus geografischen Gründen nicht funktionieren kann. Man hätte im Agrarland Afghanistan die Landwirtschaft fördern müssen, statt sie durch Weizenimporte zu zerstören und den Boden sprichwörtlich für den Opiumanbau zu bereiten, der nun Taliban und korrupte Warlords alimentiert. Und man hätte einen Präsidenten einsetzen können, der es ernst meint mit Menschen- und Frauenrechten.  

Die gravierenden Fehlentscheidungen der Anfangszeit wirken bis heute nach
Diese gravierenden Fehlentscheidungen der Anfangszeit wirken bis heute nach. Das Rückzugsgebiet der Dschihadisten im benachbarten Pakistan blieb unangetastet, weil der pakistanische Diktator Perwes Muscharraf bei der Bush-Regierung als „befreundet“ galt. Die afghanische Polizei wurde viel zu zögerlich aufgebaut. Das faktische Gewaltmonopol der Nordallianz-Warlords wurde nie gebrochen, die ISAF-Truppen erhielten keinen Auftrag zur Entwaffnung der Milizionäre. Und vor allem: Die Gewalt in Familien und Klans wurde niemals ernsthaft bekämpft und breitete sich von dort aus erneut in der Gesellschaft aus, indem männliche Heranwachsende das schlechte Vorbild von Vätern und Klanchefs nachahmten. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter und weiter.  

Ein Beispiel: die afghanische Frauenrechtlerin Sima Samar 
Vor der Petersberger Konferenz hatte die afghanische Frauenrechtlerin Sima Samar den UN-Sonderbeauftragten für Afghanistan Lakhdar Brahimi bestürmt, die afghanischen Frauen nicht zu vergessen – er reagierte nicht. Sima Samar wurde zur ersten Frauenministerin ernannt – und von keinem einzigen Regierungsmitglied unterstützt. Die ersten zwei Monate ihrer Amtszeit musste sie damit verbringen, ein Gebäude für ihr Ministerium zu suchen. Gönnerhaft boten ihr einige Minister ein paar Zimmerchen in ihrem Ministerium an, sie lehnte ab und fand schließlich ein Gebäude. Bei einem Besuch in Berlin erzählte sie: „Mitte Februar 2002 hatte ich dort genau einen Tisch, einen Stuhl und einen Computer, aber keinen Strom.“ Später wurde sie Chefin der unabhängigen Menschenrechtskommission, die unzählige Dokumente über Kriegsverbrechen und sexualisierte Kriegsgewalt gesammelt hat – diese aber bis heute nicht veröffentlichen darf.  

Was muss geschehen, damit eine Gesellschaft ein kollektives Trauma erfolgreich überwinden kann? 

Dabei kann eine Gesellschaft ein kollektives Trauma nur dann erfolgreich bearbeiten, wenn drei Prozesse gleichzeitig stattfinden:  

1. Ihre Mitglieder können optimisch in eine bessere Zukunft blicken, weil sich das Land für alle sichtbar und fühlbar weiterentwickelt. In Afghanistan ist das nicht der Fall, stattdessen müssen die Afghanen und vor allem die Afghaninnen vor einer Machtbeteiligung oder Machtübernahme der Taliban zittern, wenn ausländische Truppen abziehen.  

2. Traumatisierte Personen erhalten medizinischen und psychosozialen Beistand. In Afghanistan ist dies kaum der Fall, es gibt nur wenige Hilfsorganisationen wie mm, die in diesem Bereich arbeiten.  

3. Täter und Kriegsverbrecher werden in öffentlichen, medial übertragenen Gerichtsverfahren zur Rechenschaft gezogen und verurteilt. Oder sagen in Wahrheitskommissionen aus. In Afghanistan ist dies nicht der Fall, weil die USA und andere Akteure ihre Hand weiterhin schützend über frühere Warlords halten.  

Von daher bin ich im Hinblick auf Afghanistan leider ziemlich pessimistisch. Aber: Wenn sich die Verhältnisse verbessern sollen, dann müssen wir weiter um Gleichberechtigung, um Frauenrechte und gegen häusliche Gewalt kämpfen. In Afghanistan und weltweit.   

Der Wortlaut des gesamten Vortrags ist am Schluss dieses Artikels zum kostenlosen Download bereit gestellt.

Kurzbiografie von Dr. rer. pol. Ute Scheub

Jahrgang 1955

Geboren und aufgewachsen in Tübingen. C-Prüfung als Organistin, 1974 Abitur. Studium der Politologie und diverser Nebenfächer, unter anderem Germanistik und Publizistik, an der Freien Universität Berlin, 1980 Abschluss als Diplompolitologin, 2010 Promotion.

1978/79 Mitbegründerin der „taz“, dort Redakteurin im Ökologieressort, dann in der Nachrichtenredaktion, später in der Lokalredaktion Hamburg und Berlin, zuletzt dort Frauenredakteurin. Seit 1997 freie Journalistin und Publizistin, schreibt für diverse Tageszeitungen und Zeitschriften, veröffentlichte bislang neun Bücher (zwei Erzählungen, sieben Sachbücher) sowie diverse Aufsätze, Kurzgeschichten und Essays.

Hat eine Vorliebe für ermutigende Good News und gelungene Geschichten. Seit 2009 verantwortlich für mehrere “Goodnews”-Ausgaben der taz. 2010 Launch der deutsch-englischen Website www.visionews.net mit Erfolgsgeschichten, wie Frauen weltweit für Frieden und ökologische Gerechtigkeit sorgen. Seit 2011/12 Verfassen von Portraits ökosozialer Pioniere für die Stiftung www.futurzwei.org.

Im Golfkrieg 1991 Mitbegründerin der „Frauenaktion Scheherazade“, seitdem verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten für die internationale Frauenfriedensbewegung. Mitbegründerin des „Vereins zur internationalen Völkerverständigung Scheherazade e.V.“, der in der afghanischen Provinz Nimroz verschiedene Projekte für Frauen und Kinder durchführt (www.afghanistan-nimroz.de). Im Irakkrieg 2003 Mitbegründerin des deutschen Frauensicherheitsrates (www.frauensicherheitsrat.de). Seit Herbst 2006 europäische Koordinatorin des weltweiten Projektes „1000 Peacewomen Across the Globe“ (www.1000peacewomen.org). Außerdem Mitbegründerin der Stiftung Überbrücken (www.stiftung-ueberbruecken.de) und der Nachbarschaftsinitiative Papageiensiedlung (www.papageiensiedlung.de) sowie Kuratoriumsvorsitzende der taz Panter Stiftung.

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Ute Scheub/ hbl / 2.12.2012



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