Arbeiten in Bonn”

Veranstaltung am 24. Februar 2008 in der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg

"Arbeiten in Bonn" am 24.2.2008 aus der Reihe "Fremd-vertraut in Bonn"Im Eröffnungs-Talk mit Moderatorin Monika Hoegen begrüßte der Präsident der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, Dr. Ernst Franceschi, als Hausherr und Unterstützer der Veranstaltungsreihe die 120 Gäste und hob die Bedeutung der Internationalität für den Arbeitsstandort Bonn hervor, dessen Exportquote bei 40 Prozent liegt. Neben Global Playern wie der Post und der Telekom spielten Menschen aus anderen Ländern in den unterschiedlichsten Branchen eine bedeutende Rolle, zum Bespiel auch als Existenzgründer, die Arbeitsplätze schafften. Der gebürtige Wiener erinnerte sich an seine Kindheit, in der er die Sommerferien bei der Familie seiner deutschen Mutter in Bad Neuenahr verbrachte: „Das habe ich damals immer als Strafe empfunden, weil ich Tirol viel schöner fand.“ Mittlerweile fühlt sich Franceschini, der im Hauptberuf Geschäftsführer der Grafschafter Krautfabrik in Meckenheim ist, im Rheinland zu Hause und voll integriert: „Ich bin seit 30 Jahren Mitglied der Bonner Stadtsoldaten. Zurück nach Österreich möchte ich nur noch in den Ferien“, bekannte der IHK-Präsident.

"Arbeiten in Bonn" am 24.2.2008 aus der Reihe "Fremd-vertraut in Bonn"Rowena Grintsch aus Südafrika kam 1997 nach ihrem Studium nach Deutschland. Motivation für den Neuanfang fern der Heimat war das positive Deutschlandbild, das sie durch Ihre Tante vermittelt bekommen hatte, die vor 40 Jahren bereits hierher gekommen war. Nach einer Tätigkeit für die Vereinten Nationen arbeitet sie heute als Vorstandsassistentin bei DHL Express. Das idealisierte Bild von Deutschland und den Deutschen, das sie mitbrachte, musste sie jedoch bald korrigieren: „Auf der Straße laufen hier viele Menschen mit traurigen Gesichtern herum und die Leute führen viel seltener spontane Gespräche mit fremden Menschen als in Südafrika.“ So sei auch das Verhältnis zwischen Arbeitskollegen wesentlich distanzierter als in ihrer Heimat. „Manche Kollegen reden sich hier auch nach 30 Jahren noch mit dem Nachnamen an“, wunderte sich die Südafrikanerin. Dennoch glaubt sie nicht, dass die Menschen hierzulande fundamental anders seien. In Deutschland müsse man die Menschen einfach länger kennen, um ihnen näher zu kommen: „Die Lebensfreude liegt den Menschen hier eher im Herzen als im Gesicht“, glaubt die 38jährige. Im Berufsalltag sei ihr vor allem das Obrigkeitsdenken aufgefallen: „Bei Problemen sagen die Kollegen oft: Da kann man nichts machen. Das ist sehr schade, weil so niemand weiterkommt.“ In Südafrika würden Schwierigkeiten eher hinterfragt und unmittelbar mit den Vorgesetzten diskutiert. Als angenehme Seiten in ihrem Berufsalltag in Deutschland empfinde sie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Terminpünktlichkeit, die hier stärker als in ihrer Heimat ausgeprägt seien.

"Arbeiten in Bonn" am 24.2.2008 aus der Reihe "Fremd-vertraut in Bonn"Ryan Canlas kam in Jordanien als Sohn philippinischer Eltern zur Welt. Mit drei Jahren kehrte er mit seiner Familie in deren Heimatland in Ostasien zurück, wo er eine Priesterausbildung aufnahm. Nach seiner Ankunft in Deutschland begann er zunächst eine Ausbildung zum Elektriker in Ahrweiler und jobbte im Hotel- und Gaststättengewerbe. Heute ist er Auszubildender der Altenpflege in einer diakonischen Einrichtung in Bonn-Mehlem. Dabei begegneten ihm manche Patienten mit Skepsis: „Manche Leute fragen mich: Was machst du hier, mit welcher Absicht bist du hierher gekommen? Dann sage ich, dass ich gerne hier arbeite und die Mentalität der Menschen hier kennen lernen möchte“, berichtet der Azubi. Oft gehe es in der Altenpflege so schnell zu, dass der Kontakt zu den Patienten unpersönlich werde. Wo immer es gehe, bliebe er fünf Minuten länger bei den alten Menschen. Als Auszubildender könne er sich diese Zeit noch besser nehmen als seine Kollegen. Die Patienten scheinen dies zu schätzen: „Wenn ich einmal nicht da bin oder Urlaub habe, fragen sie meine Kollegen, was mit mir sei und wann ich wiederkomme“, erzählt der junge Mann, der auch künftig gerne in Deutschland arbeiten möchte und wie Frau Grintsch Pünktlichkeit und Ehrlichkeit als positive Eigenschaften im deutschen Berufsalltag sieht.

"Arbeiten in Bonn" am 24.2.2008 aus der Reihe "Fremd-vertraut in Bonn"Es war immer mein Traum, selbständig zu sein“, erinnert sich Bach Lan Awan, die 1994 aus Vietnam nach Deutschland kam. Mit großer Offenheit berichtet die Inhaberin des Schnellrestaurants „Miss Saigon“ den Zuhörern von dem langen und oft steinigen Weg bis zur Erfüllung dieses Wunsches. Bei ihrer Ankunft sei sie bei vielen Deutschen auf ein negatives Bild von Vietnamesen gestoßen, die ihre Landsleute vor allem mit der Zigarettenmafia in Verbindung gebracht hätten. Diese ablehnende Haltung habe sie zunächst sehr traurig gemacht und ihr die Lust am Deutschlernen genommen. „Aber dann habe ich mir gesagt: Du musst zeigen, dass du etwas erreichen kannst und dass das negative Bild der Deutschen von meinen Landsleuten nicht auf alle Vietnamesen zutrifft.“ Als Angestellte von verschiedenen Drogeriemarktketten habe sie zunächst jedoch schlechte Erfahrungen mit ihren Kollegen gemacht, die sie in erster Linie als Ausländerin beargwöhnt und nicht als Mensch wahrgenommen hätten. „Wenn ich freundlich zu ihnen war, dann dachten sie, dass ich das tue, weil ich als Ausländerin Angst vor ihnen hätte“, erinnert sie sich. Zu dieser Zeit sei ihr klar geworden, dass sie dem nur entkommen könne, indem sie selber Chefin werde. So beschloss sie, ein vietnamesisches Selbstbedienungsrestaurant zu eröffnen. „Damit wollte ich den Menschen hier auch zeigen, dass wir Vietnamesen Menschen sind, deren Mentalität freundlich und gesund ist wie die Speisen in meinem Restaurant. Und auch, dass wir nicht nach Deutschland kommen, um anderen den Job wegzunehmen, sondern um zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen“, sagt die heutige Chefin von 14 Angestellten. Bis zur Eröffnung ihres Ladenlokals musste sie jedoch eine Vielzahl von Schwierigkeiten überwinden und Bedenken begegnen: „Als junge Frau und als Ausländerin haben mich Vermieter und Geschäftspartner einfach nicht ernst nehmen und mit mir zusammenarbeiten wollen“, berichtet die Unternehmerin. Rückblickend seien die vielen Auseinandersetzungen anstrengend gewesen, hätten ihr aber zugleich klar gemacht, wer sie sei und was sie könne. In Deutschland spielten individuelle Fähigkeiten eine viel größere Rolle wenn man sich als eigene Chefin verwirklichen wolle, in Vietnam brauche man dazu vor allem Beziehungen und Geld.

"Arbeiten in Bonn" am 24.2.2008 aus der Reihe "Fremd-vertraut in Bonn"Als Tochter eines deutsch-malischen Elternpaars verließ Cadidia Bâ Bonn im Alter von zwei Jahren, um mit ihrer Familie zwölf Jahre in der malischen Hauptstadt Bamako zu leben. Als sie mit 14 wieder an den Rhein zurückkehrte, fiel ihr die Integration in das neue Umfeld zunächst schwer: „Bei meinem ersten Schultag in der neunten Klasse in Deutschland, hat mich niemand angesprochen oder sonst beachtet. Mit meinen schlechten Deutschkenntnissen war es erst schwierig, Kontakt zu finden“, erinnert sich die 22jährige. Bei ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau bei der Deutschen Welle fiel die Integration wegen des internationalen Umfelds leichter. „Anders als in der Schule gab es hier auch noch keine fertige, in sich abgeschlossene Gruppe, da oft neue Kollegen hinzukommen und andere weggehen“, sagt die heutige freie Mitarbeiterin der Deutschen Welle. In ihre Arbeit bringe sie ihre Erfahrungen ein und versuche „Neulingen“ zu vermitteln, dass das Leben in Deutschland angenehm sein kann, wenn man sich zu integrieren versucht. Ähnlich wie Rowena Grintsch empfiehlt sie ihren deutschen Kollegen für den Arbeitsalltag einen etwas lockereren Umgang mit Ordnung und Regeln. Ab kommendem Herbst plant sie mit einem Studium in Frankreich eine erneute Erweiterung ihres interkulturellen Horizonts. Langfristig möchte sie im Tourismussektor in Westafrika arbeiten und dabei Brücken zwischen Afrika und Europa schlagen. Dabei dürften der jungen Frau ihre Erfahrungen aus den verschiedenen Welten zugute kommen.

"Arbeiten in Bonn" am 24.2.2008 aus der Reihe "Fremd-vertraut in Bonn" "Arbeiten in Bonn" am 24.2.2008 aus der Reihe "Fremd-vertraut in Bonn"

 

 

 

 

 

Fotos: GTZ/Ralf Schuhmann

 

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