Glauben in Bonn

 

Veranstaltung am 15. November 2009
in der Alten Kirche des Collegium Leoninum

 

 

Begleitet vom afrikanischen Gesang des Kinduku-Chores fanden sich die Gäste, die zur Fremd-Vertraut-Veranstaltung „Glauben in Bonn“ gekommen waren, in der Alten Kirche des Collegium Leoninum ein. Mit einem Zitat des französischen Schriftstellers André Gide „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben“ begrüßte Moderatorin Monika Hoegen die Gäste und machte damit deutlich, dass es auf dem Podium nicht darum gehe sollte, die wahre Religion zu finden, sondern darum, verschiedene Glaubensrichtungen kennenzulernen, einander zuzuhören, sich auszutauschen und zu erfahren, wie jeder Einzelne der Podiumsgäste seinen Glauben lebt.

 

Das Collegium Leoninum bot das zum Thema passende Ambiente: bis 1998 wurden in dem Haus noch Priester ausgebildet, heute dient es als Seniorenresidenz und Vier-Sterne-Hotel. Geschäftsführer Dr. Uwe Lüdemann ist mit dem Thema Glauben vertraut – der Theologe war 11 Jahre Pfarrer im Kanton Waadt in der Schweiz. In dem Land gibt es keine Trennung von Religion und Staat und er habe während seiner Zeit dort beobachtet, dass das Leben in der Gemeinschaft eine viel größere Rolle spiele, erzählt Lüdemann.

 

 

 

Wichtig in seinem Leben sei ihm, Idealist zu sein. „Das Beste ist die Überzeugung von etwas, die Idee. Die Dinge selbst und die Ordnung finden sich dann von selbst nach und nach, “ erklärt der gebürtige Bremer.

 

 

 

Maboobeh Rommerskirchen kam 1979, nicht ganz freiwillig, nach Deutschland. Aus ihrer Heimat, dem Iran, musste sie aufgrund ihres Glaubens fliehen. Maboobeh Rommerskirchen ist Bahá'í – etwa fünf Millionen Menschen gehören weltweit dieser jüngsten, Anfang des 19. Jahrhunderts in Persien entstandenen Weltreligion an. Bahá'í steht für die Einheit der Menschen, die Einheit Gottes, die Einheit der Religionen und für Gerechtigkeit, “ erklärt Rommerskirchen. In Deutschland, so erzählt sie, sei ihr Glaube nicht als fremd betrachtet worden. „Bahá'í gibt es seit über 100 Jahren in Deutschland und so gab es auch viele Aktivitäten, an denen ich mich beteiligen konnte.“ Trotzdem habe sie ihr Schicksal eigentlich woanders suchen wollen. „Aber das Schicksal“, fügt sie mit einem Lächeln hinzu, „war schon vor mir da.“ Denn in Deutschland traf sie ihren heutigen Mann, mit dem sie eine Familie gründete. Ihr Mann ist Katholik und diese interreligiöse Beziehung funktioniere vor allem deshalb problemlos, da ihr Mann sie nie in ihrem Weg gestoppt habe, ihr als Berater zur Seite steht und sie ihr Leben auf Vernunft, Demokratie und Menschlichkeit aufbauen. „Und Weihnachten feiern wir zu Hause zusammen, “ berichtet die Iranerin, „genauso wie die Feste der Bahá'í.“

 

 

Der Christ Rigobert Aiwanou aus Benin brachte, als er zum Studium nach Deutschland kam, zwar keine „fremde“ Religion mit in die neue Heimat, trotzdem sieht er Unterschiede in der Auslebung des Glaubens: „In Deutschland hat man wenig Zeit“, erzählt der promovierte Philosoph. „Der Gottesdient dauert eine knappe Stunde. In Afrika hingegen versteht man die Messe weniger als „Dienst“ sondern vielmehr als ein Fest. Wir nehmen uns Zeit zum Beten, Singen und Tanzen. Da kann der Gottesdient schon mal 2 bis 3 Stunden dauern.“

In seiner Heimat, in Afrika, sei Religion insgesamt viel praktischer ausgerichtet. „Wir müssen Gott in unseren Gebeten nicht sagen, dass er groß ist, dass er allmächtig ist. Das weiß er, “ so Aiwanou. „Wir bitten ihn nach Dingen, die wir brauchen, die uns fehlen. Religion beschränkt sich also letztlich auf die Frage danach, wie es uns besser gehen kann.“

Als Rigobert Aiwanou sich taufen ließ, akzeptierten seine Eltern, Anhänger der Vodoo-Tradition, diese Entscheidung. Das Nebeneinander und Miteinander verschiedener Religionen ist für Afrikaner kein Problem, ist er überzeugt. „Religion wird von uns nicht so streng ausgelegt, „ erklärt der Westafrikaner. „Es ist möglich, beispielsweise in die christliche Religion bestimmte Riten oder Elemente der traditionellen, afrikanischen Religionen wie Wahrsagerei oder Ahnenkult zu integrieren.“ Aiwanou hatte die freie Wahl und entschied sich für das Christentum, aber auch er hält an alten Traditionen fest, denn ihm ist es wichtig, dass „bestimmte Elemente nicht verloren gehen.“

 

Hülya Dogan ist Muslimin und gerade erst in den Bonner Stadtrat gewählt worden – als erste Frau mit Kopftuch. Es gehe ihr aber nicht darum, durch ihr politisches Engagement ihre Religion öffentlich zu machen, sondern als Bonner Bürgerin an der Gestaltung der Gesellschaft, in der sie lebe, mitzuwirken. Interreligiöser Dialog ist ihr sehr wichtig. „Es gibt viel Redebedarf, aber der Dialog ist oft schwierig, beispielsweise mit den Nachbarn“, so die junge Muslimin.

Die Heimat ihrer Eltern, die Türkei, hat Dogan, die in Deutschland geboren wurde, im Rahmen einer islamisch-christlichen, interreligiösen Reise zum ersten Mal kennengelernt – für sie eine sehr schöne Erfahrung. Im Alltag hat sie viele Unterschiede festgestellt: In der Türkei sind Staat und Religion strikt voneinander getrennt. In öffentlichen Gebäuden ist die Auslebung des Glaubens verboten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr die Szene des Freitagsgebetes: „Plötzlich springen die Menschen auf, lassen praktisch alles um sich rum liegen und begeben sich zum Gebet. Die Männer verlassen ohne große Bedenken ihre Verkaufsstände, “ erzählt die Bonnerin fasziniert. „Sie vertrauen völlig auf Gott, dass ihnen nichts gestohlen wird.“

In Deutschland wäre das in ihren Augen nicht vorstellbar, allein schon, so Dogan, weil die Menschen unter viel zu großem zeitlichen Druck stehen; Beten während der Arbeitszeit „kommt da nicht in die Tüte“.

Im Arbeitskreis Muchri (Muslime und Christen) engagiert sie sich für einen Austausch der Religionen. Und diesen lebt sie auch – ihre eigene Familie ist bunt gemischt. Sie ist mit einem Christen verheiratet und hat auch schon christliche Gottesdienste besucht. Und auch Weihnachten wird bei ihr zu Hause gefeiert.

 

 

„Ich komme aus einer rebellischen Familie und bezeichne mich als ´anarchistische Hindu´“ gesteht Sangita Popat, die indische Wurzeln hat. Ihr Vater habe sich damals seine Frau selber ausgesucht, erklärt sie, und ihre Mutter aus Liebe geheiratet, obwohl es in der hinduistischen Tradition eigentlich üblich sei, dass die Eltern die Braut für den Sohn auswählen. Sie selber ist mit ihrem heutigen Mann zusammengezogen, noch bevor die beiden verheiratet waren.

„Anarchie heißt für mich aber nicht“, so Popat, „dass ich meinen Glauben nicht auslebe oder abseits von meiner Gemeinde lebe.“ Aber bestimmte Elemente des Hinduismus, wie das Kastenwesen oder die Unterdrückung der Frau, hält sie für falsch und lehnt sie daher ab.

Interreligiösität lebt auch sie in ihrer eigenen Familie. Ihr Mann ist Christ, in der Weihnachtszeit backt sie Plätzchen mit ihren Kindern, zu Ostern werden Eier bemalt und beim Lakshmi-Fest feiert sie zu Ehren der hinduistischen Glücksgöttin. „Wenn ein hinduistisches Fest stattfindet, “ betont Popat, „versuche ich, andere mit einzubeziehen.“

Ihren Kindern versucht sie, beide Seiten offen zu halten. Sie sollen sich frei entscheiden können, denn „kein Kind kommt mit der Religion seiner Eltern auf die Welt.“

 

 

„Die einzig wahre Religion haben wir nicht gefunden“, fasst Moderatorin Monika Hoegen zusammen. „Aber auch nicht gesucht.“

Gewonnen haben die Teilnehmer und Besucher der Veranstaltung aber neue Einblicke – in unterschiedliche persönliche Lebensgeschichten von Menschen, bei denen interreligiöser Austausch zum Alltag gehört und die in Bonn die Möglichkeit haben, ihren Glauben frei auszuleben.

Im Anschluss an die Podiumsgespräche nutzen die Gäste die Gelegenheit, sich bei einem kleinen Empfang miteinander ins Gespräch zu kommen und sich über die neuen Erkenntnisse weiter auszutauschen.

 

 

 

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