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Passend zum Thema der vierten Veranstaltung „Kreativ sein in Bonn“ begrüßt Moderatorin Monika Hoegen am Sonntagvormittag die rund 120 Besucher in der Halle Beuel des Bonner Stadttheaters, einem Ort, an dem Kreativität gelebt wird.
„Das Bonner Theater ist ein Vielvölkerstaat“, erklärt Generalintendant Klaus Weise im Eröffnungs-Interview, „ein Platz, an dem viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammenkommen und zusammen arbeiten.“ Das Thema „fremd-vertraut“ spiegele sich in der Halle Beuel sehr gut wider, betont Weise: Die Halle ist ursprünglich eine Jutefabrik und gehört bis in die 60er Jahre zu den größten Industriebetrieben der Stadt Bonn mit Arbeitern aus ganz Europa. Während des Nazi-Regimes sind hier polnische Zwangsarbeiter beschäftigt. 1980 erwirbt die Stadt das Gelände, 1984 wird es zu einem Spielort des Bonner Theaters.
Um die Internationalität des Theaters noch stärker zu unterstreichen, entschließt sich die Leitung vor einigen Jahren, anders als bisher zur Bonner Biennale nicht nur europäische Künstler einzuladen, sondern sich mit dem Theaterfestival auch „nach Übersee zu orientieren“: 2004 wird der Blick auf die USA gerichtet, zwei Jahre später auf Indien und 2008 präsentiert sich auf dem Kulturfestival die Vielfalt des Bosporus.
„Nun stehe ich sozusagen ziemlich breitbeinig da, mit dem einen Fuß im Schnee und dem anderen im Sand“, zitiert Monika Hoegen den schwedischen Schriftsteller Henning Mankell, der neben Nordeuropa eine zweite Heimat in Afrika gefunden hat. Die Vermutung der Moderatorin, dass es den Fremd-vertraut-Gästen ähnlich gehe wie dem Erfolgsautor, kann Mamadou Diakhaté bestätigen. Der Maler und Philosoph aus dem Senegal nennt das Gefühl, eine zweite Heimat gefunden zu haben, Glück: Bonn ist für ihn eine große Chance, er fühlt sich sehr wohl in der Stadt und findet hier neben wertvollen Freundschaften auch große Unterstützung für seine Kunst. Dabei will er, als er 1970 nach Bonn kommt, eigentlich nur eine Woche bleiben, um eine Ausstellung seiner Bilder in der senegalesischen Botschaft abzuholen. „Eine Woche wurde zu 36 Jahren“, erzählt der Westafrikaner schmunzelnd. Kunst ist für ihn universell, Nahrung für die Seele und nicht etwa ein Luxus. Sie „bildet eine Brücke von Mensch zu Mensch,“ ist Mamadou Diakhaté überzeugt. Seine Kreativität lebt er in der Malerei aus und dabei entstehen seine Bilder auf nicht ganz gewöhnliche Art und Weise: statt mit einem Pinsel arbeitet er ausschließlich mit seinen Fingern: „Ich fasse meine Bilder an“, erklärt der Maler, „das ist ein unmittelbares Erlebnis der Kunst.“
Maria Sague hat mit ihren Beinen schon in vielen Ländern gestanden und bezeichnet sich selbst als Nomadin. In Puerto Rico geboren, zieht sie mit 10 Jahren nach Kuba, in die Heimat ihrer Eltern, bevor es zum Studium Richtung Europa, nach Paris, geht. Anschließend lebt sie drei Jahre lang in Mexiko bei den Otomi-Indígenas und beginnt dann in Mexiko-City bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zu arbeiten. In Mexiko hat sie zum ersten Mal das Gefühl, eine Heimat gefunden zu haben. „Ich wollte nicht weiterziehen, ich war müde geworden“, erklärt die Puertoricanerin. Aber letztlich fällt sie eine Entscheidung gegen die „Heimat“ und für die Familie und geht Anfang der 80er Jahre mit ihrem deutschen Mann und den gemeinsamen Kindern nach Deutschland. Dieser Schritt ist verbunden mit einem ganz neuen Gefühl, denn nie zuvor ist sie als Mutter von zwei Kindern in ein fremdes Land gekommen, sondern immer „frei“ und unabhängig. „Ich war plötzlich eine Brücke zwischen meinen Kindern und einer neuen Gesellschaft, die ich selbst noch gar nicht richtig verstand“, erinnert sich Maria Sague an die anfänglich schwierige und harte Zeit. Erst nach und nach kann sie erste Kontakte knüpfen. In Biodanza, einer erlebnis- und gruppenorientierten Tanzart, findet sie schließlich auch im fremden Deutschland ihre „Heimat“ und kann anfängliche Frustration überwinden. Ihre frühen Erfahrungen des „Umherziehens“ haben Maria Sague bereits in jungen Jahren stark geprägt: schon als Kind missfällt ihr der Vergleich zwischen Menschen verschiedener Nationalitäten. Für sie sind alle Menschen letztlich doch so ähnlich.
Margaret Macaulay-Thiel aus Nigeria kennt es, ähnlich wie Maria Sague, durch Tanzen ein Gefühl von Heimat oder Geborgenheit zu erleben und sie versucht, dieses Empfinden auch weiterzugeben: Seit zwei Jahren leitet sie bei dem Bonner Verein „Ausbildung statt Abschiebung“ einen HipHop-Kurs für junge Flüchtlinge und vermittelt den jungen Heimatlosen auf diese Weise das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Die Nigerianerin kommt als Diplomatenkind mit neun Jahren nach Deutschland und bleibt später ohne ihre Eltern in Bonn, um ihr Abitur zu machen und zu studieren. Erst als die Eltern weg sind, lernt sie Deutschland und die Menschen wirklich kennen, zuvor habe sie sich immer nur in Diplomatenkreisen bewegt. „Das war hart“, erinnert sie sich, „aber man lernt mit der Zeit.“ Margaret Macaulay-Thiel beginnt Medizin zu studieren, allerdings fühlt sie sich zu diesem Zeitpunkt auch schon sehr zur Kunst hingezogen. Den idealen Ausgleich zwischen ihrem medizinischen und künstlerischen Interesse findet sie schließlich in der Heilpädagogik.
In ihrer eigenen Praxis helfen ihr ihre Kreativität und ihr Kunstinteresse bei der Arbeit mit den Patienten. Ihre Leidenschaft ist weiterhin das Tanzen. Nach diversen Tanzsaubildungen arbeitet die Westafrikanerin in verschiedenen Ballettschulen und leitet zahlreiche Workshops an Schulen. Zwischen dem afrikanischen und dem europäischen Tanz erkennt sie klare Unterschiede: Während der europäische Tanz eine definierte Tanzkunst sei, handele es sich beim afrikanischen nicht um eine erlernte Kunst, sondern im ursprünglichen Sinn vielmehr um ein religiöses Ritual, das dazu diene, mit den Gottheiten in Verbindung zu treten. Sich selbst sieht sie ein bisschen als Mittlerin zwischen diesen verschiedenen kulturellen Tanzrichtungen. Mehr noch aber empfindet sie sich als Mittlerin für Toleranz und für Offenheit gegenüber den Kulturen.
Hidir Çelik verlässt 1978 aus politischen Gründen sein Heimatland, die Türkei, und geht nach Deutschland, wo er zunächst in einer Metallfabrik arbeitet und sich gewerkschaftlich engagiert. „Für mich war das anfangs eine Übergangszeit“, berichtet er über seine damalige Lebensplanung. „Ich war Sozialist und wollte hier gewerkschaftliche Erfahrungen sammeln, mit denen ich dann in meine Heimat zurückkehren und mich weiter engagieren wollte“. Den Entschluss, endgültig in Deutschland zu bleiben, fasst er nach der Geburt seiner Kinder. Mit den Jahren verabschiedet er sich auch von seinen sozialistischen Utopien. Ein Prozess, so Hidir Çelik, den auch der Demokratisierungsprozess in der Türkei befördert habe. Mit der neuen Perspektive, dauerhaft in Deutschland zu leben, beschließt er zugleich, sich vermehrt mit der Lebenssituation und den Problemen von Migranten zu befassen und so die Gesellschaft mitzugestalten. Ausdruck findet dieses Engagement in seiner literarischen Beschäftigung mit Migrantenfragen. „Die Literatur ist für mich eine Brücke. Und sie kann Antworten auf Fragen geben, die sich die Migranten stellen“, erzählt der Autor, der seit seinem Beschluss, in Deutschland zu bleiben, auch auf Deutsch schreibt. Dies war zwar eine schwere Umstellung, erinnert er sich, aber es ging ihm darum, mit seinen Büchern auch die Deutschen anzusprechen und ihnen die Perspektive und die Probleme von Migranten näher zu bringen. „Wenn Menschen aufgeklärt sind, haben sie weniger Probleme miteinander“, ist Hidir Çelik überzeugt. Dass seine Bücher auch Brücken zwischen Migranten unterschiedlicher Nationalitäten bauen, zeigte ihm eine Unterhaltung mit einem griechischen Migranten über seinen autobiografischen Roman „Der Fluss meines Traums“. „Dies könnte auch meine Geschichte sein“, habe dieser gemeint, denn dieselben Probleme bewegten auch die Griechen in Deutschland.
Der türkische Schriftsteller ist Initiator der „Bonner Buchmesse Migration“ die seit 1995 alle zwei Jahre im Haus der Geschichte stattfindet und auf die Probleme von Migranten aufmerksam macht. „Die Buchmesse soll neue Perspektiven vermitteln, neue Wege finden und aufbauen“, erklärt Hidir Çelik, der auf der nächsten Messe 2009 mit 5.000 Besuchern rechnet.
Für Miguel Angel Zermeño ist der Tanz zentraler Teil seines Lebens und seiner Arbeit. „Leider habe ich nicht die romantische Geschichte des Jungen parat, der sich von Kind an zum Tänzer berufen fühlte“, so der Mexikaner. „Ich bin eher zufällig auf den Tanz gestoßen.“ Als Kind ist er hyperaktiv und seine Eltern suchen lange nach einer Möglichkeit, den Sohn „ruhig zu stellen“. Von Karate über Schwimmen bis zur Militärschule probiert er alles aus und entscheidet sich dann – zum Leidwesen seines Vaters – nicht für Letzteres, sondern beginnt als 10jähriger mit dem Tanzen. Der Tanz und die Erfahrung, auf der Bühne zu stehen, faszinieren ihn. Hier kann er seine Lebendigkeit und die Sucht nach Adrenalin ausleben, erzählt der Lateinamerikaner. Und das mit Erfolg: er bekommt ein Stipendium, absolviert ein Tanzstudium und arbeitet in verschiedenen Tanzkompanien in Mexiko, China, der Schweiz und Deutschland. Während seiner vier Jahre in Hong Kong, in denen er erst nach und nach richtig englisch lernt, hilft ihm sein „körperliches Vokabular“ sich zu verständigen, berichtet Miguel Angel Zermeño. 1995 kommt der erfolgreiche Tänzer und Choreograph nach Deutschland, wo er das Tanztheater " KONTRAST TanzTeatro" gründet. Während er im bloßen abstrakten Tanz“ immer das „Menschliche“ vermisst habe, kann der Mexikaner jetzt seinen ganz eigenen Stil entwickeln: er kombiniert das klassische Tanztheater mit mythologischen Geschichten und Elementen.
Wie sich die verschiedenen Kulturen in den jeweiligen Tanzstilen widerspiegeln und Körperhaltung und Geographie eines Landes miteinander zusammenhängen, führt er dem Fremd-vertraut-Publikum zum Abschluss der Veranstaltung anschaulich vor: Afrikaner und die indigene Bevölkerung Lateinamerikas tanzen gebückt, sehr bodennah, sie suchen den Kontakt zur Erde. Die stolzen europäischen Spanier hingegen zeigen, zum Beispiel beim Flamenco, eine angespannte, hohe und anmutige Haltung. Im Zuge der Mischung von europäischer und mexikanischer Kultur während der Kolonialzeit bildet sich aus dem typisch spanischen Flamenco eine mexikanische Version: die Stolzheit ist integriert, aber trotzdem tanzt man deutlich näher am Boden, mit gebückter Haltung. Dieser mexikanische Flamenco spiegelt, genau wie die Gäste von „Fremd-vertraut“, eine Verknüpfung der Kulturen wider, eine Verbindung von Elementen aus der alten und der neuen Heimat.




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