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Veranstaltung am 15. Juni 2008: „Lernen in Bonn” in der Bonn International School
Hätten Sie gedacht, dass Sie einmal freiwillig an einem Sonntagmorgen in die Schule gehen würden?“ fragte Moderatorin Monika Hoegen die rund 70 Gäste, die sich in der Bonn International School zur dritten „Fremd-vertraut“-Veranstaltung eingefunden hatten. Im Eröffnungs-Talk sprach sie mit dem Direktor der Schule, Peter Murphy. Der gebürtige Brite mit belgischen Eltern freut sich über das starke Wachstum der Schule um 38 % innerhalb der letzten zwei Jahre, das gleichzeitig auch deutlich die Internationalität des Standorts Bonn widerspiegele. Die Gesamtschule bietet den derzeit 528 Schülerinnen und Schülern aus 60 Nationen eine individuelle ganzheitliche Förderung sowie die Möglichkeit, das International Baccalaureate , ein international anerkanntes Abitur, zu absolvieren. Und trotz vollem Unterrichtsplan kommt auch der Spaß nicht zu kurz. Feste, wie zum Beispiel der International Day, der am Samstag vor der „Fremd-Vertraut"-Veranstaltung stattfand, bieten neben kulinarischen Spezialitäten, Platz für Austausch auch außerhalb der Lernzeiten, für Spiele und Musik.
Victoria Stewart ist Schülerin an der Bonn International School. Geboren und aufgewachsen in Kenia, kam die 16-Jährige mit 9 Jahren nach Deutschland. „Ich hatte Angst, ich wollte meine Freunde nicht verlassen und ich musste eine neue Sprache lernen“, beschreibt die Schülerin ihre Erinnerungen an den Wechsel. Dass sie an der Internationalen Schule englisch sprechen kann, machte den Einstieg und natürlich das Lernen zwar leichter, aber Victoria war es von Anfang an wichtig, auch mit Deutschen zusammenzukommen und die deutsche Kultur kennen zu lernen. Deshalb besucht sie, trotz langer Unterrichtszeiten, in ihrer Freizeit einen deutschen Schwimmverein und eine Musicalgruppe. Internationales Leben und Lernen, so glaubt Victoria, baue Vorurteile ab und bringe mehr Offenheit gegenüber Anderen mit sich. Und obwohl sie es manchmal zwar vermisse, eine wirkliche Heimat zu haben, zu wissen, wohin sie gehört, sieht sie darin wiederum den Vorteil, überall hingehen zu können. Was ihr nächstes Ziel sein soll, weiß die 16-Jährige schon ganz genau: „Ich möchte endlich mal nach England.“ Denn Victoria, die als Kind britischer Eltern einen englischen Pass besitzt, ist in ihrem „Heimatland“ noch nie gewesen.
Keyna Kiggundu aus Uganda lebt seit Ende 1989 in Deutschland und sei, so erzählt sie, vor allem durch ihr starkes gesellschaftliches Engagement der deutschen Kultur sehr nahe gekommen. Die Ostafrikanerin unterrichtet Kunst an der Bonn International School und war auch in ihrem Heimatland bereits Lehrerin an einer Internationalen Schule. Wesentliche Unterschiede zwischen den Internationalen Schulen sieht Kiggundu nicht, zumindest was das Konzept betreffe. „Anders sind schon eher die Räumlichkeiten“, kann sie aus ihren Erfahrungen sagen. „Denn in Uganda, “ fügt sie mit einem Lächeln hinzu „haben wir schließlich so gut wie immer schönes Wetter.“ Den Nachmittagsunterricht an Internationalen Schülern empfindet sie, im Gegensatz wohl zu vielen Schülern, als positiv und wertvoll. „Wir haben an der Schule so viele unterschiedliche Köpfe,“ erklärt Kiggundu, „da braucht man einfach Zeit, sich eingehend mit jedem Einzelnen auseinandersetzen, ´1 zu 1´- Arbeit leisten zu können.“ Und auch zwischen den Schülern beobachte sie einen großen Austausch: „Sie reden viel miteinander und können so gleichzeitig voneinander lernen.“ Von der Qualität Internationaler Schulen ist die engagierte Lehrerin überzeugt: „Hier werden globale Ansichten vermittelt und das bereitet die Schüler auf das Leben ´da draußen´, auf die Welt, gut vor.“
Wie es mit dem Lernen nach der Schule weitergehen kann, berichtet Landry Niagne, der an der Universität in Bonn Übersetzen für Deutsch, Französisch und Türkisch studiert. Genauso überraschend wie dieser Studiengang ist auch die Tatsache, dass Landry nun seit fast sechs Jahren in Deutschland lebt. Denn in seinen ersten drei Monaten hier, die er in Fulda verbrachte, wäre er „vor Heimweh fast gestorben“ und das Rückflugticket in seine Heimat, die Elfenbeinküste, hatte er quasi schon in der Hand. Zufällig lernte er kurz vor der geplanten Abreise eine Familie kennen, die ihn aufnahm und überredete, noch eine Weile zu bleiben. Er fand Anschluss, lernte wie man sich mit Hilfe von Glühwein an kalten Tagen aufwärmen konnte, und blieb. Heute lebt er mit seiner deutschen Freundin und dem gemeinsamen zweijährigen Sohn in Bonn. Landry Niagne hat hier eine neue Heimat gefunden, ist sich aber sicher, irgendwann mal mit seiner Familie in einem anderen Teil der Welt zu leben, vielleicht in seinem Heimatland.
Der Kontakt zu deutschen Kommilitonen an der Uni in Bonn sei von Beginn an gut gewesen, was allerdings mit daran lag, dass er gezielt auf seine Kommilitonen zugegangen sei. „Die Deutschen kommen nicht zu dir, sie beobachten, gucken, “ erinnert sich Landry Niagne. Viel unkomplizierter habe er da den Kontakt zu Türken, die er im Rahmen des Studiums kennengelernt hat, erlebt. In seiner Heimat sowie vielen anderen Ländern, zum Beispiel der Türkei, gehe man auf neue, fremde Menschen zu und begrüßt sie. In Deutschland scheint das, so sein Eindruck, umgekehrt zu sein. „In diesem Fall“, fügt der Student charmant hinzu, “könnten die Deutschen ruhig ein bisschen türkischer sein.“
Das deutsche Studiensystem bewertet Landry Niagne als äußerst schön, weil es einem viel Freiraum gewährt, aber gerade deshalb auch sehr gefährlich. In Afrika und anderen Ländern laufe das Studium insgesamt sehr viel koordinierter und zielgerichteter ab.
Das kann Magdalena Gruszka, die ursprünglich aus Polen kommt und an der Bonner Universität promoviert, bestätigen. Die stellvertretende Vorsitzende des AStA ( Allgemeiner Studierendenausschuss) weist auf das zusätzliche Risiko hin, dass ein solches „freies“ System vor allem für ausländische Studenten berge: Spätestens nach zwei Jahren müssen sich diese zum Vordiplom anmelden, um weiter in Deutschland studieren zu dürfen. Als weitere Belastung komme das einzigartige System der Bonner Universität hinzu: Studenten aus dem nicht-europäischen Ausland zahlen ein so genanntes Betreuungsgeld von 150 Euro pro Semester. Anstatt also die angehenden Akademiker als Gesamtheit zu betrachten, werden sie in die Kategorien „deutsch“, „europäisch“, „ausländisch“ unterteilt. „Wie soll man sich da wohl fühlen?“ fragt Magdalena Gruszka. Um gerade Bonn als eine internationale Stadt attraktiv für ausländische Studenten zu gestalten, müsse sich hier dringend etwas ändern. Aus Polen kennt die engagierte Studentin so genannte „Integrations-Camps“, zum Kennenlernen vor Beginn des Studiums, die sie sich auch hier wünschen würde. Denn auch wenn sie sich heute freuen kann, Freunde gefunden zu haben, ist ihr der anfängliche Kontakt zu Deutschen als eher schwierig in Erinnerung geblieben. „In Polen sind ´Ausländer´ begehrt, die Menschen gehen offen auf sie zu und sind neugierig, etwas aus dem Leben und über die Kultur der ´Fremden´ zu erfahren. Das ist hier leider nicht so.“ Als besonders belastend habe sie daneben auch die Erfahrung empfunden, in Deutschland immer wieder auf die Nationalität reduziert und nicht als Mensch gesehen zu werden. „Ich hatte oft das Gefühl, mich in der fremden Kultur völlig neu erfinden zu müssen“, erinnert sich die junge Frau. Ihr Wunsch für die Zukunft: „Ich möchte, dass die Menschen mich nicht als ´die Polin´, sondern den Menschen wahrnehmen, der ich bin: ´die Magda´.“
Mitte der neunziger Jahre verließ Seraphine Muragijemariya aus Ruanda während des Bürgerkriegs ihre Heimat und folgte ihrem Mann nach Deutschland. Zurzeit promoviert sie an der Bonner Universität. Außerdem ist sie Mutter dreier Kinder, von denen zwei an eine deutsche staatliche Schule gehen. „Wir hätten damals unsere Kinder auch gerne an eine internationale Schule geschickt“, erinnert sie sich, „konnten uns diese aber finanziell nicht leisten.“ Heute sei sie froh darüber, sagt sie, denn über die Kinder und deren Kontakte in der Schule habe auch sie sich, genau wie ihr Mann, leichter integrieren können und sowohl die deutsche Kultur kennengelernt als auch Mitmenschen, die ihnen dabei halfen, sich in der neuen „fremden“ Heimat zurecht zu finden. „Die Kinder“, erinnert sie sich, „konnten schnell Anschluss in der Schule finden und vor allem auch die neue Sprache lernen.“ Außerdem, so erzählt ihr achtjähriger Sohn, sei er sehr glücklich darüber, nicht nachmittags in die Schule gehen zu müssen und so genügend Freizeit zu haben, um sich seinen Hobbys – zum Beispiel dem Schwimmen – zu widmen.
Und was fällt Seraphine Muragijemariya zu ihrer eigenen Zeit als Schülerin ein? „In Ruanda müssen die Kinder zu Fuß bis zu 10 km weit zu ihrem Schulgebäude laufen“, berichtet sie. Zudem sei selten genügend beziehungsweise das richtige Lernmaterial vorhanden. Internationale Lebens- und Lernerfahrungen schätzt die Mutter als besonders positiv und wichtig ein, für Jung und Alt. Denn es helfe „Herzen zu öffnen.“
Fotos: GTZ/Ralf Schuhmann
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