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Veranstaltung am 22. März 2009: „Sport treiben in Bonn”
im Foyer der Hardtberghalle
Auch wenn der Blick auf ein leeres Spielfeld fiel: Im Foyer der Hardtberghalle stand der Sport ganz im Mittelpunkt der fünften Veranstaltung der Reihe Fremd-vertraut in Bonn. Dort, wo die Telekom-Baskets Bonn bis zum Umzug in den neuen Telekom-Dome ihre Pressekonferenzen abhielten, begrüßte Moderatorin Monika Hoegen die Gäste und ihre Gesprächspartner. „Welche Möglichkeiten und Grenzen bietet Sport als Integrationskraft?“, fragte die Journalistin in ihrer Anmoderation zu der folgenden Gesprächsrunde mit sieben Gästen.
Ludwig Krapf, Dezernent für Kultur, Sport und Wissenschaft der Stadt Bonn hat als Auslandsstudent in England dazu eigene Erfahrungen gemacht. Im Eröffnungs-Talk berichtet Krapf, wie er in Cambridge als Steuermann der Ruder-Universitätsmannschaft vom integrierenden Moment des Sports profitieren konnte. Schmunzelnd erinnert er sich: „Dass man mich als ‚cox’ eingesetzt hat, lag nicht daran, dass ich eine Sportskanone war, sondern an meiner tiefen Stimme, mit der ich mir auch ohne Flüstertüte Gehör verschaffen konnte. Mein Englisch war mäßig, und es war eine wunderbare Erfahrung, durch das Rudern trotzdem gebraucht zu werden und dabei zu sein.“ Auch in Bonn spiele Sport eine wichtige Rolle bei der Integration von Bürgern anderer Nationalitäten. Initiativen wie „street soccer“ und „Basketball um Mitternacht“ versuchten dies zu nutzen und zu unterstützen. „Sport bietet hier viele Möglichkeiten, die in Bonn noch lange nicht erschöpft sind“, blickt Krapf in die Zukunft.
„Der Name Taekwondo steht für Fuß (Tae), Faust (Kwon) und Weg (Do)“, erläutert Aziz Acharki, Gründer des Vereins "Olympic Taekwondo Club Bonn" (OTC-Bonn e.V.). Jungen und Mädchen aus dem Jugendbereich des OTC geben den Zuschauern eine eindrucksvolle Kostprobe ihrer Fähigkeiten in dieser mehr als 1000 Jahre alten koreanischen Sportart. Fliegende Fäuste und Füße, Kampfschreie und berstende Bretter beim vorgeführten Bruchtest - auf die Frage, ob Taekwondo nicht oft als martialische Sportart wahrgenommen werde, entgegnet Acharki, dass Disziplin, Höflichkeit und Respekt vor dem Gegner und den Regeln zu den wichtigsten Prinzipien von Taekwondo gehörten. Nur wenige werden es besser wissen als Acharki, dessen Lebensweg auf engste mit Taekwondo verbunden ist: Im Alter von sechs Jahren kam er aus Marokko nach Deutschland, spielte zunächst Fußball und kam anschließend über Judo zu Taekwondo. Inzwischen deutscher Staatbürger, absolvierte er seinen Wehrdienst bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr, wo er sich voll auf seinen Sport konzentrierte, stets mit dem großen Ziel vor Auge, eines Tages die weltweite Nummer eins zu sein. 1995 war es soweit: Acharki gewann auf den Philippinen
die Weltmeisterschaft. „Deutschland hat mir viel gegeben und mit dem Titel konnte ich auch etwas zurückgeben“, so Acharki, der nach dem Titelgewinn auch ein Angebot des marokkanischen Königs ausschlug, wieder für sein Herkunftsland zu kämpfen. Heute engagiert er sich im von ihm gegründeten OTC Bonn, wo Sportlerinnen und Sportler aus 20 Nationen zusammenkommen. Das interkulturelle Element sei ein wichtiger Teil der Vereinsarbeit, die weit über Taekwondo hinaus reiche. „Wir trainieren gemeinsam, wir feiern unsere Vereinsfeste gemeinsam und unternehmen die verschiedensten Aktivitäten zusammen“, erklärt der heutige Diplom-Trainer.
Steven Parker aus der Demokratischen Republik Kongo und Jeremiah Lafond aus Großbritannien sind Profi-Basketballspieler im Regionalliga-Team der Telekom-Baskets Bonn. „Basketball ist ein internationaler Sport“, berichtet Parker, „was uns alle verbindet, ist die Liebe zu unserem Sport“.. Auf die Frage, ob es denn nicht gelegentlich schwer sei, eine multikulturelle Truppe unter einen Hut zu bekommen, erwidert Lafond, dass es hin und wieder eines Machtwort des Coaches bedürfe
um der Sturheiten der einzelnen Spielercharaktere Herr zu werden. „Aber im Endeffekt verstehen wir uns alle, denn wir müssen den gegnerischen Korb treffen und unseren verteidigen, und das verbindet einfach.“ Blöde Anmache und Beleidigungen wegen seiner Hautfarbe habe er noch nicht erlebt, sagt Parker. „Aber Basketball ist in dieser Hinsicht auch viel harmloser als beispielsweise Fußball. Dieser Sport kommt aus einem Land mit vielen Kulturen und hatte daher schon immer ein internationales Gesicht. Und das akzeptieren die Leute daher auch so“, so der Sportler.
„Über Sport ist es leichter in einem fremden Land Kontakt zu bekommen, auch wenn man die Sprache nicht gut spricht“, erinnert sich Inga Rogge. Vor 18 Jahren kam sie als Sportstudentin von Moskau nach Bonn, um ihr Studium durch Auslandssemester zu bereichern. Schon bald fasste sie den Entschluss, nach Möglichkeit in Deutschland zu bleiben. Heute leitet die das Fitness-Studio der Schwimm- und Sportfreunde Bonn (SSF) und spielt in der Volleyball-Landesliga (?). Anders als in Russland könne man in Deutschland in jedem Alter mit jedem Sport beginnen. In ihrer Heimat werde viel leistungsorientierter gedacht: Dort beginne organisierter Sport im Kindesalter und nach ein bis zwei Jahren erfolge eine Selektion nach Leistungskriterien. Im SSF-Fitness-Studio trainieren Mitglieder aus 30 verschiedenen Nationen, auch solche die kaum Deutsch sprechen. „Da muss man immer flexibel sein“, erklärt Rogge. So habe man vor zehn Jahren beim SSF auf Bitte muslimischer Frauen für diese gesonderte Trainingszeiten im Studio eingerichtet. Später sei man jedoch wieder davon abgekommen. „In Deutschland gibt es eine eigene Kultur, wie man Sport treibt, und meine persönliche Meinung ist, dass Menschen, die hierher kommen, sich daran anpassen sollten und nicht umgekehrt.“ Um die Frauen und Familien aus anderen Kulturkreisen hiervon zu überzeugen, bietet Rogge Gespräche an, in denen auch versucht Vorbehalten und Befürchtungen zu begegnen.
„Wollen Sie hier eine Terrorgruppe gründen?“, so lautete einer der Kommentare, die Sportwissenschaftler und Sportpädagoge Ismail Ibrahim zu hören bekam, als er anhand von Polizeiakten die acht verhaltensauffälligsten Jugendlichen eines Wuppertaler Viertels für ein ein außergewöhnlich Projekt identifizierte: Durch eine Einzelkämpferausbildung sollten sie empfänglich für Bildungsangebote werden. „Jugendliche sind von Martialischem oft angezogen und Sport ist gut geeignet, um bildungsferne und sozial benachteiligte Jugendliche dort abzuholen, wo sie stehen“, erklärt der 29jährige Pädagoge seinen mutigen Ansatz. Denn ihre Fitness und ihre Schnelligkeit sei oft das einzige, was benachteiligten Jugendlichen bleibe. Im Rahmen der Einzelkämpferausbildung seien die acht Jugendlichen gezwungen gewesen, sich durch Lesen Wissen anzueignen, etwa wie man einen Kompass benutzt, um wieder aus dem Wald heraus zu finden. Sport biete hier viele Handlungsfelder, beispielsweise zum Üben von Arbeitsteilung. Der Erfolg scheint Ibrahim, der im Libanon geborenen wurde und heute deutscher Staatsangehörigkeit ist, Recht zu geben: Von den acht Jugendlichen sind heute sechs in der gymnasialen Oberstufe, einer studiert Jura und ein weiterer bemüht sich um die Zulassung zu gymnasialen Oberstufe.
„Kinder haben mit der Integration kein Problem, die nehmen alle auf“, meint Younis Kamil Abdulsalam. Problematisch werde es erst ab dem Jugendlichenalter. Abdulsalam hat beide Phasen selbst erlebt. Mit fünf Jahren kam er mit seinen Eltern wegen der schwierigen poltischen Situation in seinem Heimatland Sudan nach Deutschland – der Heimat seiner Mutter. „Fußball ist einfach immer die erste Sportart, die man in Deutschland betreibt“, erinnert sich der 24-jährige und begann folglich mit dem beliebtesten Sport der Deutschen. Als sein Vater Trainer in einem Bonner Fußballverein wurde habe es auch Skepsis bei den deutschen Spielereltern gegeben, dass ein „schwarzer Mann“ mit den Kindern das Training mache und so ein enges Verhältnis zu ihnen habe, berichtet Abdulsalam, für den Fußball die große Leidenschaft blieb. Nach einem Umzug nach Frankfurt am Main durchlief er alle Jugendklassen und die Landesjugendauswahl. Heute studiert er in Köln Sportwissenschaften und engagiert sich als Schwimm-Jugendtrainer sowie als Fußball-Seniorentrainer beim AlHilal SSV e.V. in Bonn. Der Verein hat Mitglieder aus neun Nationen und bietet Schwimm – und Sportaktivitäten mit Rücksicht auf islamische Gepflogenheiten an. Die multikulturelle Zusammensetzung stelle hohe Anforderungen an die Führungskräfte, erzählt der junge Sportler. So gäbe es schon einmal interne Reibungen, etwa wenn sich Spieler an seinem eher deutschen Pünktlichkeitsbegriff rieben. Aber auch Anfeindungen von Deutschen gegen die Spieler seines Vereins seien ihm alles andere als unbekannt. „Sport hat eben auch ein hohes Konfliktpotenzial. Da sind auch schon mal Flaschen hinter den Spielern hergeflogen, die das Siegtor geschossen haben, berichtet der 24jährige. Hier müssten Trainer und Führungskräfte erzieherisch entgegen wirken, das stelle oft hohe Anforderungen an sie.
Harald Ganns, der die Podiumsgespräche als Gast verfolgt hat, hat viele Erfahrungen zum Thema Sport als Integrationsmittel gemacht. Allerdings aus einer anderen Perspektive als die Gäste auf dem Podium. Der Botschafter a.D. und Afrika-Experte, der während seiner Studienzeit eine Fußballtrainerlizenz erworben hat, arbeitete viele Jahre auf dem afrikanischen Kontinent. Neben seinen diplomatischen Aufgaben engagierte er sich immer auch stark für den Sport. Dieser sei jedoch nicht immer ein Integrationsfaktor, betont Ganns, sondern könne sogar Auslöser für Kriege sein. „Spielen wir miteinander oder gegeneinander“ ist die Frage. „In der eigenen Mannschaft, “ so der Sportbegeisterte, „spielt man miteinander, aber die Mannschaften spielen naturgegeben gegeneinander.“ Ein negatives Beispiel erlebte er als Trainer der nigerianischen Nationalmannschaft: Als diese in Togo 1982 einen Sieg davontrug, flogen auf dem Heimweg Pflastersteine. Positiv hingegen war ein Erlebnis in Namibia, wo er eine Mannschaft trainierte, in der sich die Spieler lange Zeit ganz automatisch in zwei Gruppen geteilt hatten – weiß und schwarz. „Aber mit dem Erfolg, “ so erinnert sich der ehemalige Diplomat, „wurden sie plötzlich farbenblind und fingen an, sich zu mischen.“ Integration muss in seinen Augen positiv erfahrbar und nicht „von oben verordnet“ sein. Nur dann sei sie nachhaltig und ebne den Weg für ein langfristiges friedliches Miteinander.
Im Anschluss an die Podiumsgespräche hatten die Gäste Gelegenheit, sich bei einem Glas Wein und mediterranem Fingerfood weiter auszutauschen. Die Snacks wurden freundlicherweise gesponsert von Müslüm Balaban, Restaurant OPERA Bonn http://www.opera-bonn.com/“


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