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Blog von Studienleiter Jörgen Klußmann

500 Jahre Reformation - und jetzt? In seinem neuen Blogbeitrag lädt Jörgen Klußmann zum Gespräch darüber ein.

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Bildnachweis: Fotolia,Warnschild Brandstiftung vor brennender Flüchtlingsunterkunft. Urheber: animaflora Bildnachweis: Fotolia. Urheber: animaflora

Persönlicher Blogbeitrag zu rechten Bewegungen und der aktuellen innenpolitischen Lage

Die Radikalisierung schreitet voran

Brandanschläge auf Moscheen, Morddrohungen gegen den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Ayman Mazyek. Wie ist die Lage einzuschätzen? Diskutieren Sie mit Studienleiter Jörgen Klußmann

Seit Jahren haben wir vor einer wachsenden Islamophobie gewarnt, aber niemand wollte hören. Vor rund einem Jahr beschuldigte mich ein Pro-NRW-Aktivist auf einer Veranstaltung über mein Buch „Fremd-Vertraut – Ein Plädoyer für eine gemeinsame Kultur der Vielfalt“ das Wort Islamophobie doch nur erfunden zu haben, um die berechtigte Verteidigung des Abendlandes schlecht zu machen. Ich hatte das Wort „Islamophobie“ benutzt, um den Unterschied zwischen berechtigten Ängsten und Sorgen und erzwungenen, irrealen Ängsten – Phobien - deutlich zu machen. Der Mann aus Mülheim an der Ruhr bestritt meine Aussage, er hatte bereits bei einer früheren Veranstaltung der Akademie in Bonn versucht, Karikaturen des Propheten Mohammed zu verteilen, um die muslimischen Gäste einer christlich-muslimischen Tagung zu provozieren.

Dabei nehmen solche Formen der gezielten Provokation sich inzwischen harmlos aus im Vergleich zu den sich seit 2015 mehr als vervierfachten Anschlägen gegen Unterkünfte von Asylanten. In dem Jahr, in dem angeblich über eine gefühlte Million von Flüchtlingen nach Deutschland kamen (de facto waren es keine 900.000) und angeblich auch blieben, wurden über 1000 Anschläge verübt, weit mehr als in all den Jahren zuvor.

Die neuen Rechten schüren gezielt Ängste

Die Vertuschung solcher gewalttätiger, brutaler Anschläge ist eine Verharmlosung einer rasanten Radikalisierung unter Deutschen, die fremdenfeindlich eingestellt sind. Zu selten hören wir davon, ganz anders, als wenn ein Anschlag von islamistischer Seite passiert, obwohl die meisten terroristischen Anschläge nicht in Europa, sondern vor Ort, in Syrien, dem Irak oder in einem anderen arabischen Land oder in Israel, geschehen.

Die Zahl der Opfer, die durch Terrorismus sterben, ist – Gott sei Dank – vergleichsweise gering. Sie liegt im ein- bis zweistelligen Bereich. Wenn wir die Zahl der Verkehrstoten daneben halten würden, kämen wir auf ein Verhältnis von 1:1000 und dennoch der Terror jagt uns mehr Angst ein. Das ist eben der Unterschied zwischen irreal und real. In ihren Stellungnahmen zu Terroranschlägen geben die neuen Rechten vor, dass man sich um die berechtigten Sorgen und Nöte der Bevölkerung Gedanken machen würde, stattdessen aber schüren sie gezielt Ängste. Antworten haben die neuen Rechten nicht. Daran sind sie auch gar nicht interessiert. Die AfD und ihre anderen radikalen Freunde bedienen sich eines altbekannten Tricks, den schon die Nazis und andere autoritäre Gruppierungen kannten: „Baue gezielt einen Sündenbock auf und schaffe im gleichen Zug eine fremdenfeindlich-nationalistische Ideologie, die Blut und Boden vermischt und so jeden, der nicht „deutschen Blutes“ ist oder das Glück hat, einen deutschen Pass zu besitzen, ausschließt oder für unwürdig erklärt.“

Da die neuen Deutschnationalen immerhin so clever und nicht mehr ganz so tumb sind wie die Neonazis, richtet sich ihr Anti eben nicht gegen alles Nicht-Deutsche bzw. Nicht-Europäische, das durch Hautfarbe oder Habitus schon auf den ersten Blick als anders wahrgenommen wird.

Ziel der fremdenfeindlichen Angriffe: Die Muslime

Denn das gilt heutzutage als „rassistisch“. Daher ist man nicht gegen alles Fremde per se, sondern sucht sich gezielt eine Gruppe heraus, die sich dafür anbietet, weil sie ohnehin schon in einer schwachen Position ist.

Heutzutage trifft das besonders auf Muslime zu, weil sie sich „dankenswerterweise“ durch den islamistischen Terror bereits disqualifiziert haben und die aufgrund ihres Glaubens auch „grundsätzlich nicht zum weißen europäischen Kulturkreis gehören“.

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ durfte nun auch sogar ungestraft der neue deutsche Innenminister Seehofer sagen, um dann einzuräumen, dass die hier lebenden Muslime dies aber natürlich schon täten, nämlich „dazugehören“.

Mit dieser etwas kryptischen Botschaft versucht der ehemalige bayerische Ministerpräsident vielleicht seinen Ärger darüber zu vertuschen, dass sein schärfster innerparteiliche Rivale Markus Söder nun seinen Thron bestiegen hat, doch er redet damit auch AfD-Abweichlern, die früher CSU-Wähler in Bayern waren, das Wort – schließlich steht die nächste Wahl ja kurz bevor.

Fakt ist: Die Radikalisierung schreitet indes weiter voran und sie wird gezielt geschürt von den neuen Rechten und verharmlost von der Bundesregierung und den Medien.

Deshalb vertrete ich den Standpunkt, dass wir den Zuwachs an Anschlägen gegen Asylwohnheime und Unterkünfte und die Propaganda nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen und schon gar nicht den neuen Rechten nach dem Munde reden dürfen, wie dies der neue deutsche Innenminister tat. Was wir brauchen, sind gemeinsame Lösungsansätze, die über die wahren Zahlen und Daten aufklären und den Hass und das zerstörte Vertrauen gemeinsam aufarbeiten, statt irgendjemand zum Sündenbock zu machen.

Nur so können tragfähige Lösungen für zweifellos vorhandene Probleme gefunden werden. Eine Ursache für den Hass und den Neid ist ganz bestimmt die weltweit weiter wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die auch in Deutschland deutlich auseinander klafft. Immer mehr Menschen müssen sich immer kleiner werdende Einkommen und Besitz teilen, während eine kleine Minderheit einen immer größeren Anteil am Kuchen behält und für sich einstreicht. Das Einkommen ist sehr ungleich verteilt. Während die Konzerne ihre Gewinne privatisieren und ihren Managern Boni auszahlen, werden Verluste weiter privatisiert.  

Von den fast schon idealen Verteilungsraten des Volkseinkommens in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind wir inzwischen meilenweit entfernt. Besonders die Finanzspekulation hat einige wenige – vermutlich Insider – reich gemacht und den Rest der Bevölkerung ein gutes Stück ärmer. Doch infolge der anhaltenden Wachstumsraten der Wirtschaft fällt das anscheinend niemandem so richtig auf.

Dabei zeigt auch die anhaltend gleichbleibende Zahl der Sozialhilfeempfänger und anderer Bedürftiger wie z.B. die Zahl derjenigen, die eine Tafel aufsuchen, dass die Wirtschaftsdynamik längst nicht alle Einwohner des Landes erreicht hat. Seit Jahren weisen alle Armutsberichte in die gleiche Richtung – schlimmer noch: besonders die Kinderarmut steigt auch in unserem Lande weiter an. Das ist ein Skandal sondergleichen, denn Armut in der Kindheit hat langfristige Auswirkungen auf Aufstiegschancen und gesellschaftliche Teilhabe.

Hoffentlich kann die neue GroKo  wenigstens daran etwas ändern, sonst müssen wir sie daran mit aller Macht erinnern! Denn hier liegen die eigentlichen Ursachen für Sozialneid, Ausgrenzung und Hass.

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Jörgen Klußmann, ms / 26.03.2018



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