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Gestalteten Vortrag und Diskussion zum Thema „Afghanistan – fremd und vertraut“ im Rahmen der FriedensDekade (v.l.): Nasimuddin Sadradin, Bettina Twrsnick, Jörgen Klußmann und Ernst von der Recke. Foto: Uta Barnikol-Lübeck Bild-Lupe(v.l.): Nasimuddin Sadradin, Bettina Twrsnick, Jörgen Klußmann und Ernst von der Recke. Foto: Uta Barnikol-Lübeck

Rückblick und Ausblick auf die Konfliktsituation in Afghanistan

Im Täter auch die Opfer sehen

„Die einzige Chance für Frieden in Afghanistan ist das Verhandeln mit den Taliban“, erklärte der Islam- und Politikwissenschaftler Jörgen Klußmann in seinem Vortrag „Afghanistan – fremd und vertraut“ im Evangelischen Dom-Gemeindehaus Wetzlar. 

Dazu gehöre die Forderung an die Taliban, die Menschenrechte einzuhalten, nahm der Studienleiter für Politik der Evangelischen Akademie im Rheinland den Beitrag eines jungen Mannes aus dem Publikum auf.

Um den Rückblick auf die Geschichte eines zerrissenen Landes, in dem der Krieg immer noch nicht zu Ende ist und um den Ausblick auf die Chancen und eine hoffnungsvollere Zukunft der Menschen dort ging es in Vortrag und Diskussion. Der Abend fand im Rahmen der diesjährigen Ökumenischen FriedensDekade statt und wurde moderiert von Ernst von der Recke (Arbeitskreis Frieden im Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill) und Bettina Twrsnick (Flüchtlingshilfe Mittelhessen).

Klußmann berichtete den knapp 30 Anwesenden, darunter auch mehrere junge Afghanen, die Geschichte des Konfliktes Afghanistans, angefangen von der 40-jährigen Monarchie ab 1933, die mit dem Sturz des Königs endete. Die Zuhörer erfuhren vom Einmarsch sowjetischer Truppen 1979 und dem Widerstand der Mudschaheddin (Islamisten), die auch von Osama bin Laden unterstützt wurden und den Konflikt schließlich gewannen. 1989 verließen die Sowjets das Land und es kam zum Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Mudschaheddin-Parteien. Die Einnahme von Kabul 1992 sei die Geburtsstunde der Taliban gewesen, die sich aus Waisen und Kriegsflüchtlingen rekrutierten, die in den Koranschulen Pakistans zu Kämpfern ausgebildet wurden, so Klußmann. In den Folgejahren eroberten sie das Land komplett und bauten ein Schreckensregime auf, in dem Musik hören, Filme anschauen und die berufliche Arbeit von Frauen verboten wurde und diese nur noch verschleiert gehen durften. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 marschierten die Amerikaner in Afghanistan ein. Der Aufbau eines demokratischen Systems mit Präsident Hamid Karsai scheiterte an Misswirtschaft und Korruption und die Taliban konnten sich wieder positionieren. Nach dem Abzug der ausländischen Truppen sind sie seit diesem Jahr wieder an der Macht.  Derzeit sei noch unklar, wer welche Position in der neuen Regierung habe, sagte der Referent. Dies in einem Land in einer katastrophalen humanitären Lage mit Zusammenbruch des Internationalen Zahlungsverkehrs und hoher Arbeitslosigkeit.

Erfahrungen in seinem Heimatland und seine Sicht der politischen Situation dort stellte Nasimuddin Sadradin aus Kabul dar. Er war nach 20 Jahren in Deutschland für sieben Jahre in Afghanistan und lebt seit elf Monaten wieder im Lahn-Dill-Kreis. „Wir sind kein Bettlerland“, erläuterte er zu dem Punkt, wie sinnvolle Hilfe aussehen könnte. „Afghanistan braucht keine Fische, Afghanistan braucht Angeln.“

Jörgen Klußmann. Foto: Uta Barnikol-Lübeck Bild-LupeJörgen Klußmann. Foto: Uta Barnikol-Lübeck

Klußmann, der zwischen 2006 und 2012 bei verschiedenen Aufenthalten in Afghanistan dort intensive zivile Konfliktbearbeitung betrieben hat, vertrat die Ansicht, man könne nicht ein Land neu aufbauen und dabei gleichzeitig Krieg gegen den Terror führen. Die Parteien müssten erst versöhnt werden. Der Konflikt sei sehr vielschichtig und habe das Potenzial, alles zu zerstören, menschliches Leben wie familiäre Beziehungen. Davon berichtete auch ein junger Afghane, der für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet hatte und dort deutsche Soldaten sterben sah.

Auf die Frage, welche Zukunftsperspektiven es gebe, antwortete Klußmann, wichtig sei zunächst, sich zu informieren, damit man wisse, was eigentlich in Afghanistan geschieht. Die Menschen in dem Land müssten zudem bereit sein, das Leid zu sehen und anzuerkennen, ihr eigenes und das des anderen. „Im Leid sind wir alle gleich“, sagte der Referent und mahnte, im Täter auch das Opfer zu sehen. Dann erst sei Versöhnung möglich. Und an die jungen Afghanen gewandt: „Ihr seid die aus den letzten 20 Jahren gut ausgebildeten Menschen und habt die Aufgabe, Versöhnung zu bewirken, im Dialog der unterschiedlichen Interessen.“

Ein Zukunftsprojekt ist auch die „Afghanische Teestunde“, von der Bettina Twrsnick berichtete. Jeden Samstag laden zwei afghanische Studenten Flüchtlinge aus Afghanistan ins Dom-Gemeindehaus ein, um ihre Nöte und Ängste zu hören und gleichzeitig Informationen und Tipps für das Leben in Wetzlar und im Lahn-Dill-Kreis zu geben.

Weitere Informationen unter: www.friedensdekade.de 

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Uta Barnikol-Lübeck, ms / 15.11.2021



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