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Karte von Afghanistan. Foto: Erika Wittlieb - pixabay.com  Karte von Afghanistan. Foto: Erika Wittlieb - pixabay.com

Blogbeitrag von Studienleiter Jörgen Klußmann

Afghanistan fällt zurück an die Taliban

Irgendwie kommt einem das bekannt vor: Menschen fliehen aus einer umkämpften Stadt – einem umkämpften Land, Szenen von Panik, Hubschrauber, die in der Luft kreisen – wann war das nochmal und wo? Ach ja, am 30. April 1975 in Saigon, der damaligen Hauptstadt von Südvietnam, als die Amerikaner und ihre Verbündeten fluchtartig das Land verließen, da spielten sich ähnliche Szenen ab.

Damals wie heute waren die Amerikaner völlig überrascht davon, dass der Feind - 1975 in Saigon der Vietcong und heute in Afghanistan die Taliban  - so schnell vorrückte, während der Präsident fluchtartig sein Land verlässt und sein Volk im Stich lässt.

Ein unwürdiges Spektakel
„Im Stich lassen“ ist überhaupt das Motto des ganzen unwürdigen Spektakels. Über zwanzig Jahre hat der Westen sich angemaßt, das Land am Hindukusch demokratisieren zu können und gleichzeitig einen Krieg gegen die radikal-islamischen Taliban zu führen. Doch es gelang nie auch nur ansatzweise, dass Land zu befrieden, geschweige denn, in einen demokratischen Rechtsstaat zu verwandeln. Dazu lagen die offiziellen und die inoffiziellen Ziele des Engagements in Afghanistan zu weit auseinander. Offiziell ging es um Menschenrechte, Frauenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Frieden und inoffiziell immer um die Rache für den 11. September und den Kampf gegen die Islamisten. Die „Verteidigung der Freiheit Deutschlands am Hindukusch“, wie es ein deutscher Verteidigungsminister mal ganz zu Anfang des Einsatzes formulierte, war immer schon ein kompletter Unsinn gewesen.  

Die Transformation in eine moderne Gesellschaft:  von Anfang an ein zu hoch gestecktes Ziel
Wer das Land Afghanistan während des Einsatzes der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) bereiste, hätte eigentlich schnell einsehen können, dass das Konzept nicht aufgehen würde. Zu groß waren die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zu zerklüftet die Landschaft, zu unterschiedlich die Interessen der lokalen Machthaber und zu divergent die verschiedenen Ethnien. Der Anspruch an eine archaische, uralte Stammeswelt, sich in eine moderne, zeitgemäße Gesellschaft zu transformieren, war einfach zu groß. Er hat schon in der Vergangenheit nach dem Sturz des Königs, als Kommunisten an die Macht kamen und das Land mit aller Macht zu modernisieren versuchten, nicht funktioniert und jetzt eben auch nicht. Also nix wie weg!

Das Militärische hatte immer Vorrang
Die Bemühungen, das Land in die Moderne zu bugsieren, waren ohnehin nur halbherzig. Trotz riesiger Investitionen und großangelegter Feldversucheblieb alles nur Stückwerk, denn das Militärische hatte immer Vorrang - musste es haben, denn die Taliban waren nie wirklich besiegt, sondern allenfalls zeitweise vertrieben. Es gab immer wieder Rückschläge und vor allem zahlreiche Opfer. Für die meisten Afghan:innen war es daher sinnvoll, sich von Anfang an nach allen Seiten offen zu halten, denn es konnte ja jederzeit sein, dass die Taliban über Nacht irgendwo wiederauftauchten. Für viele Männer war es ganz normal, zeitweise mal für die Regierung zu kämpfen, um dann, wenn es die Notwendigkeit erforderte, die Seiten zu wechseln. Schließlich hatten ihnen es die Warlords vorgemacht, wie man am besten überlebt, wenn man auf den aktuellen Gewinner setzt.

Jetzt hat sich der Westen sang- und klanglos verabschiedet
Nun sind es also wieder die Taliban. Doch diesmal werden sie es wohl für eine ganze Weile bleiben, denn der Westen hat sich sang- und klanglos verabschiedet und will nicht mehr in einem Land kämpfen, für das es sich offensichtlich nicht mehr zu kämpfen lohnt. Jedenfalls ist das der Eindruck, den man haben muss. Warum sonst hätten sich wohl zuerst die Amerikaner und damit alle anderen Verbündeten nacheinander dazu entschlossen, ihre Truppen abzuziehen? Die Vergeltung für den 11. September ist inzwischen Geschichte. Mit dem Tod Osama bin Ladens ist dieses Kapitel abgeschlossen. Dass der Kampf gegen die Islamisten dennoch weiter ging, hatte wohl in erster Linie damit zu tun, dass man nicht das Gesicht verlieren wollte. Angesichts der Corona-Pandemie und des Klimawandels scheinen diese Bedenken aber nun nicht mehr zu verfangen.

Afghanistan – für die westlichen Wirtschaften kaum von Interesse
Afghanistan hat außer Opium zwar auch einige Bodenschätze wie seltene Erden zu bieten, doch eine strategische Bedeutung hat es in der jüngeren Zeit nie wirklich gehabt. Es gibt dort kein Öl oder Erdgas, auch sonst keine wirklich bedeutsamen Güter, die der Westen braucht. Warum also noch länger dort verweilen? Innenpolitisch hat der Druck in den USA, aber auch in allen anderen Ländern, die in Afghanistan engagiert waren, immer weiter zugenommen, sich von dort wieder zu verabschieden. Doch so, wie es jetzt läuft, hat es sich wohl keiner vorgestellt. Das Drama wird uns wohl auch noch einige Tage und Wochen, womöglich Monate und Jahre beschäftigen, z.B., wenn es zu schweren Kämpfen um den Flughafen kommt und sogar Geiseln genommen werden.

Die politischen Folgen sind unabsehbar
Klar ist, dass die politischen Folgen unabsehbar sind. Das Ansehen des Westens und der Demokratie in der islamischen Welt  sind auf einem Tiefpunkt angekommen und werden über Generationen dort verharren. Weitere Flüchtlingsbewegungen werden die Region insgesamt destabilisieren. Ein neuer Bürgerkrieg im Land selbst ist möglich, wenn sich einige wenige mit Hilfe ausländischer Hilfe gegen die neuen Machthaber erheben oder die Taliban und die verschiedenen Ethnien sich untereinander zerstreiten. Radikal-islamistische Kräfte werden neuen Auftrieb erhalten. In den USA wird die Präsidentschaft von Joe Biden erneut unter Druck geraten, denn die Republikaner werden diese Schlappe genüsslich ausnutzen, um ihren anti-demokratischen Kurs zu verschärfen. In Europa wird die Diskussion erneut aufkommen, dass man den radikalen Islamisten keine Operationsbasis überlassen darf. Die Islamfeindlichkeit wird wieder zunehmen.

Hauptleidtragende sind die Menschen in Afghanistan
Vor allem aber – und das ist die eigentliche Dramatik der ganzen Geschichte - wird die einheimische Bevölkerung und insbesondere diejenigen, die sich Hoffnungen auf eine offene Gesellschaft gemacht haben, von den Ereignissen überrollt und in vollem Umfang getroffen werden. Diejenigen, die für westliche Truppen, Botschaften, Einrichtungen, politische Stiftungen usw. als einheimische Fachkräfte gearbeitet haben, müssen nun um ihr Leben fürchten. Die Führung der Taliban hat zwar zugesagt, dass es zu keinen Racheakten kommen soll aber ist sie auch dazu in der Lage, das überall im Lande zu verhindern? Besonders die Frauen dürften unter der radikalen-islamistischen Auslegung der Scharia leiden. Ich kann mich noch erinnern, wie unsere Akademie mit Medica Mondiale 2012 eine große Tagung zur Lage der Frauen in Afghanistan durchführte: Wie groß waren die Hoffnungen, dass das Land sich erholen würde! Stattdessen wiederholt sich nun alles wohl noch einmal von vorne. Armes Afghanistan! Wie lange wird dort noch Not und Elend herrschen - ü
ber 30 Jahre Krieg in verschiedenen Konstellationen und das Volk ist immer am stärksten betroffen, das ist die ganze Misere.  

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jk, ms / 16.08.2021



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