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Blog von Studienleiter Jörgen Klußmann

500 Jahre Reformation - und jetzt? In seinem neuen Blogbeitrag lädt Jörgen Klußmann zum Gespräch darüber ein.

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Gedankenaustausch zu Werten und Prinzipien einer Friedenslogik

Tagungsergebnisse: Den Frieden fördern - aber wie?

Eine zusammen mit der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung ausgerichtete Tagung bot Anfang März 2013 Gelegenheit zum Gedankenaustausch über Werte und Prinzipien der Friedenslogik.

Blick ins Plenum LupeBlick ins Plenum

Den Frieden fördern – aber wie? Diese Frage stellt sich beim Blick auf die weltweiten vielfältigen Krisenherde und auf die  Bemühungen der Zivilgesellschaft, mit diesen Konfliken umzugehen. Über die fachlichen und „technischen“ akzeptierten Regeln hinaus geht es dabei um die Werte und Prinzipien einer Friedenslogik, d.h. wie und weshalb der Frieden gefördert werden soll.

Organisationen für Friedens- und Menschenrechtsarbeit, Mediation und die Wissenschaft engagieren sich weltweit, um ihren Beitrag zur Friedensförderung durch zivile Konfliktbearbeitung, also durch das gewaltfreie Engagement von nicht staatlichen Kräften, zu leisten. Sie wollen insbesondere die Fähigkeit zu einer gewaltfreien und wirksamen Konfliktbearbeitung auf den Ebenen der Einzelnen, der Gesellschaft, der Staaten und zwischen den Staaten im Konkreten stärken. Zivile Friedensförderung will daran mitwirken, dass gewaltförmige Konflikte vermieden oder transformiert werden und die von Gewalt Betroffenen eigene Möglichkeiten der Konfliktbewältigung nutzen können.

Tagung in Kooperation mit der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung
Diesen Zielen wissen sich auch die 122 Einzelpersonen und 61 Nicht-Regierungsorganisationen verpflichtet, die sich 1998 zur Plattform Zivile Konfliktbearbeitung zusammengeschlossen haben. Zu den Mitgliedern gehören u.a. kirchliche Organisationen wie Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst, die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden oder Eirene Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V.

Es gibt keinen Masterplan für Friedenshandeln, aber Werte, Prinzipien und Strategien 
Rund 80 Vertreterinnen und Vertreter der Plattform und andere an dem Thema Interessierte haben sich vom 7. bis 9. März 2013 in Bonn getroffen. Bei ihrer gemeinsam mit der Evangelischen Akademie im Rheinland ausgerichteten Tagung ging es nicht um einen „Masterplan“ für Friedenshandeln. Der ist nicht möglich, weil jeder Konflikt unterschiedliche Gründe, Akteure, Ebenen und zeitlich gebundene Bedingungen hat. „Bei unserer Arbeit müssen wir jeden Fall einzeln analysieren. Dabei können wir zwar auf gemeinsame Werte und Prinzipien sowie Strategien zurückgreifen, doch eine allgemeingültige ‚Gebrauchsanweisung‘ gibt es nicht. Denn Friedenslogik ergibt sich aus einem Gefüge von Faktoren, die in jedem konkreten Fall anders zusammenwirken“, umreisst Ulrich Frey, Vorsitzender der Plattform, die Situation.

Prof. Dr. Thania Paffenholz, Graduate Institute of International and Development Studies (HEID) LupeProf. Dr. Thania Paffenholz, Graduate Institute of International and Development Studies (HEID)

Was kann man aus der bisherigen Praxis für die Zukunft der Arbeit lernen?
Vielmehr wollten die Teilnehmenden dem Erfolg oder Misserfolg der eigenen Arbeit auf die Spur kommen und  Prinzipien und Werte des Friedenshandelns diskutieren. „Was hilft uns, was blockiert uns? Was können wir aus der internationalen Praxis, was aus der deutschen Praxis für unsere zukünftige Arbeit lernen? Welche Aspekte müssen wir in unserer Arbeit stärken, was müssen wir vermeiden, was dürfen wir tun, was nicht, um Friedensprozesse zu fördern?“ Das waren leitende Fragen, u.a. im Hinblick auf vorbeugende Aktivitäten, auf Kampagnenarbeit, Friedenserziehung oder Mediation und Dialog als Instrumente zur Konfliktlösung.

Wie kann die Friedensarbeit mehr öffentliches Interesse wecken ...
Darüber hinaus ging es darum, wie man Anliegen und Arbeit der Friedensorganisationen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen und die Medien zur Mitarbeit gewinnen kann. „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“, lautet ein Credo der Öffentlichkeitsarbeit und das gelte auch für die Friedensarbeit, unterstrich auf der Tagung der Journalist Martin Zint, der u.a. für die Öffentlichkeitsarbeit des „Weltfriedensdienstes“ verantwortlich zeichnet. Häufig scheitere die Vermittlung der spannenden Projekte an der von vielen englischen Fachbegriffen geprägten Insider-Sprache, daran war er sich mit seiner Kollegin Annedore Smith einig. „Friedensfreundinnen und Friedensfreunde legen großen Wert auf schmackhafte Würmer, denken dabei aber nicht an die Fische. Die kennen das neue Futter nicht und finden keinen Geschmack an Begriffen wie ‘Versicherheitlichung‘.

... und dabei zugleich die richtige Balance finden zwischen Medienwirksamkeit und Sachorientierung?
„Wir müssen eine Sprache finden, die unsere Themen verständlich transportiert, aber auch so, dass wir sie noch als richtig empfinden“ sagte Ute Finckh-Krämer, Vorsitzende des Bundes für Soziale Verteidigung und machte so den notwendigen Balanceakt zwischen Medienwirksamkeit und Sachorientierung deutlich. Medien lieben klare Botschaften mit hohem Informationsgehalt, orientiert an den gesellschaftlichen Themen der Zeit. Erste Konsequenzen aus dieser Beobachtung wurden schon auf der Tagung gezogen: Die Plattform wird bereits in Kürze Workshops zum Thema Öffentlichkeitsarbeit anbieten, die Tipps und Anleitungen geben sollen, wie man konfliktsensibel Öffentlichkeitsarbeit treiben kann.

Im Gespräch: Dr. Désiré Nzisabira hin, Koordinator des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) in Uganda LupeIm Gespräch: Dr. Désiré Nzisabira hin, Koordinator des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) in Uganda

Thania Paffenholz: Eine gemeinsame deutsche Friedensstrategie ist nicht erkennbar 
Während sich also für die Öffentlichkeitsarbeit bereits erste Projekte auf der Tagung ergeben haben, ist aus der Sicht des Schlusspodiums eine gemeinsame Strategie der deutschen offiziellen Politik – etwa im Sinne der früher wichtigen "gemeinsamen Sicherheit“ - nicht sichtbar. Eine solche tragfähige und zugleich nach Themen differenzierte Strategie für die gemeinsame Arbeit aller, die sich in der zivilen Konfliktbearbeitung engagieren, forderte die Politikwissenschaftlerin Professor Dr. Thania Paffenholz vom Graduate Institute of International and Development Studies (HEID), Genf.

Natascha Zupan: Deutschland betreibt Scheckbuch-Diplomatie
Natascha Zupan, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) und ebenfalls Podiumsteilnehmerin, bestärkte sie darin. Mit Blick auf die deutsche Außenpolitik meinte Zupan, Deutschland betreibe heute eine „Scheckbuch-Diplomatie“. Das Budget der Bundesrepublik für Friedensarbeit betrage zwar ein Vielfaches im Vergleich zu dem der Schweiz,  aber die Schweiz setze ihre geringeren Mittel  viel zielgerichteter ein.

Hohe Sachmittel, aber unzureichende personelle Ausstattung bei deutschen Friedenseinsätzen
Einen Grund sahen beide darin, dass in Deutschland zwar hohe Sachmittel für Friedenseinsätze zur Verfügung gestellt würden, demgegenüber aber nur unzureichend in die personelle Ausstattung investiert würde. So seien z.B. im Auswärtigen Amt und im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung weniger als 10 Mitarbeiter mit dem Aufgabenfeld Zivile Konfliktbearbeitung betraut, während im Eidgenössischen Department für Auswärtige Angelegenheiten 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Bereich arbeiten würden.

Dr. Désiré Nzisabira: Erfolgreiche Arbeit benötigt genügende finanzielle Ressourcen
Auf den Aspekt der unzureichenden personellen Ausstattung wies auch Dr. Désiré Nzisabira hin, Koordinator des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) bei der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) in Uganda. Trotz der unbestreitbaren Erfolge der Friedensarbeit in Uganda, die z.B. in einem Rückgang von Gewaltbereitschaft und ethnischen Konflikten sowie in einer verstärkten Rückkehr von Binnenflüchtlingen zum Ausdruck komme, seien die Programme des ZFD nicht adäquat finanziert. Für eine weiterhin erfolgreiche Arbeit brauche man auch eine genügende finanzielle Ausstattung, forderte Nzisabira nachdrücklich.

Vordringlich: eine gemeinsame deutsche Friedenspolitik
Im Blick auf den politischen Raum waren sich die Podiumsteilnehmer einig, dass es vordringlich sei, eine gemeinsame deutsche Friedenspolitik auszuformulieren und eine klare Strategie zu benennen, die im Unterschied zu anderen europäischen Ländern wie Großbritannien oder der Schweiz hier noch fehle. Die Mitglieder der Plattform sollten sich an diesen Diskussionen stärker beteiligen und auf mehr Verbindlichkeit dringen. Die Friedensakteure müssten sich im politischen Raum mehr Gehör verschaffen und Lobbyarbeit mit langem Atem betreiben. Es sei notwendig „dicke Bretter“ zu bohren.

Zivile Konfliktbearbeitung befindet sich in einem Wandel
Paffenholz und Zupan lenkten den Blick aber auch auf die Perspektiven der Plattform selbst. Man müsse durchaus in Erwägung ziehen, dass sich auch die zivile Konfliktbearbeitung in einem Wandel befinde. Z.B. sei es angesichts der internationalen, auch humanitären Einsätze der Streitkräfte notwendig, das Verhältnis zur Bundeswehr zu überdenken. Es gelte auch, stärker ökologische Faktoren als Auslöser für Konflikte in den Blick zu nehmen und mit solchen Organisationen eine Zusammenarbeit anzustreben, die sich für den gerechten Zugang und die gerechte Verteilung von Ressourcen einsetzen. Bei Friedenseinsätzen im Ausland müsse der „local ownership“, der Autonomie und den Bedürfnissen der am Konflikt Beteiligten, für den Friedensprozess stärker Rechnung getragen werden. In anderen Konflikten bewährte Handlungsmuster dürften nicht einfach auf einen neuen Konflikt übertragen werden. Notwendig sei bei allen Projekten ein Dialog auf Augenhöhe mit den Betroffenen, meinte Zupan. „Die Menschen in Konfliktgebieten bringen selbst Kompetenzen mit, man kann von ihnen lernen.“

Plattform Zivile Konfliktbearbeitung kann dabei ihre starken Potentiale nutzen 
Die in der Plattform verbundenen Friedensakteure haben von dieser Tagung ein ganzes Themenbündel an „To do’s“ mitgenommen. Um diese Aufgaben in Angriff zu nehmen, können sie starke interne Potentiale nutzen – auch dies wurde deutlich. Menschenrechts- und Friedensorganisationen sind in Deutschland weit mehr vernetzt als in anderen Ländern, das ist eine besondere Stärke der Friedensarbeit, die bei Themen wie „Versöhnung oder Strafe?“ die Diskussionen sehr bereichern kann. Auch das breite Altersspektrum, das auch auf der Tagung sichtbar war, ist eine Chance: In den Friedensorganisationen engagieren sich junge Menschen ebenso wie Menschen, die noch während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden. Im Dialog können die Pioniere der Friedensarbeit, die sich z.B. in den Bürgerbewegungen der 80er Jahre engagiert haben, und die jüngere Generation der Friedensförderer voneinander lernen – aus der eigenen Biographie und aus der geschichtlichen Erfahrung. Deutschland hat nach 1945 erfolgreiche Übergangsprozesse im eigenen Land gestaltet. Es gilt, dieses Wissen und diese Erfahrungen für die Arbeit im Ausland zu nutzen, und dabei authentisch zu bleiben nach der Devise „Practise what you preach – Lebe, was du lehrst!“

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Ulrich Frey/ hbl. Fotos: Hella Blum / 19.03.2013



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