Interview mit Jochen Hippler im Vorfeld der Akademie-Tagung "Perestroika auf Arabisch"

Hoffnungen und Gefahren im Arabischen Frühling

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Kommt mit dem Arabischen Frühling auch Demokratie und Rechtsstaatlichkeit? Für den Forscher Jochen Hippler ist das noch offen. Die Akademie-Tagung „Perestroika auf Arabisch?“ fragt nach Perspektiven.

Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo LupeDemonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo

Die Evangelische Akademie im Rheinland veranstaltet am Freitag und Samstag, 28. und 29. Oktober, in Bonn eine Tagung zu den Umwälzungen im arabischen Raum. Zu Wort kommen Wissenschaftler und Journalisten, Araber und Deutsche. Ein Teilnehmer ist der ARD-Korrespondent in Kairo, Jörg Armbruster. Er diskutiert in einer Runde, wie Kulturaustausch mit europäischen Ländern den Reformprozess unterstützen kann. Referenten arabischer Herkunft beleuchten die Situation in Syrien, Ägypten, Tunesien, Libyen und Marokko.

Hippler: "Mehrjährige Phase der Instabilität"
Über Folgen und Wirkungen der Umwälzungen im Nahen Osten auf die westliche Welt referiert Dr. Jochen Hippler in der Akademie-Tagung. „Der Konflikt um eine demokratische Regierungsform ist noch nicht entschieden“, betont der Wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen.

Nach Ansicht des Dozenten muss sich Europa auf eine "mehrjährige Phase der Instabilität" in den arabischen Ländern einstellen. Langfristig, so hofft er, könnten pluralistische und rechtsstaatliche Verhältnisse entstehen. In Ägypten zum Beispiel sei zunächst aber nur eine etablierte Diktatur durch eine Militärherrschaft abgelöst worden. Alte Eliten wollten ihre Macht auch in die neue Zeit hinüberretten.

Hippler forscht international unter anderem über Regionalkonflikte und politische Formen in der Religion. Aus Ägypten kommen aktuell Nachrichten über Gewalt und Diskriminierung gegenüber koptischen Christinnen und Christen. Die Widersprüche würden in den Zeiten des Umbruchs schärfer, erläutert der Dozent. In der Diktatur habe man die Salafisten in Ägypten unterdrückt. Jetzt nutze die islamische Gruppe die Situation, um sich durch das Schüren von Konflikten zu profilieren.

Staatliche Institutionen "korrupt, repressiv und unfähig"
Der „verrottete Charakter des Staatsapparates“ ist nach Darstellung von Hippler Hauptgrund für den Aufstand in einer ganzen Region. „Bei allen Unterschieden ähneln sich viele Probleme in den arabischen Ländern“, so der Wissenschaftler. Die staatlichen Institutionen seien meist „korrupt, repressiv und unfähig“. Die Menschen litten außerdem unter fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven.

Durch Medien wie den Fernsehsender Al Jazeera habe die Bevölkerung auch Anteil an der Entwicklung in den Nachbarländern genommen. Wichtig sei die Vernetzung durch Dienste wie Twitter und Facebook gewesen. „Der schnelle Sturz der Diktatur in Tunesien durch die Jasminrevolution hat zudem vielen Hoffnung gegeben“, sagt Hippler. 

 

ekir.de / rtm / Foto: Ramy Raoof/Flickr / 20.10.2011