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Ein Kommentar von Studienleiter Jörgen Klußmann

Nach den Attentaten von Paris: Wie kann es weitergehen?

Im folgenden Beitrag geht Jörgen Klußmann auf die Ursachen und auf mögliche Handlungsoptionen nach den Anschlägen von Paris ein.

Studienleiter Jörgen Klußmann Studienleiter Jörgen Klußmann

Die Lage und Stimmung nach den Attentaten von Paris erinnert in fataler Weise an die Zeit nach den Anschlägen vom 11. September. Das Gefühl der unmittelbaren Bedrohung ist plötzlich ins Unermessliche gewachsen. Mit Angst und Sorge reagieren wir auf die brutalen und Menschen verachtenden Anschläge und mit einem mulmigen Gefühl nehmen wir die Ankündigungen des französischen Präsidenten François Hollande wahr, der von einem Krieg spricht, ebenso wie der niederländische Premierminister und leider auch Deutschlands Bundespräsident Gauck.

Die Spirale dreht sich weiter
Nun, wo die Gewalt ein Stück näher an uns heran gerückt ist, wird uns deutlich, was vorher auch in Ankara, in Kairo, in Bagdad und tagtäglich im Irak und Syrien passierte und passiert. Terroristen, aufgepeitscht durch Fanatiker, die den Namen Gottes missbrauchen, üben Vergeltung für diejenigen, die bereits der Gegengewalt im Kampf gegen den Terror zum Opfer gefallen sind. Die Spirale dreht sich also weiter.

Der 11. September 2001 war für den Westen die erste große Konfrontation mit radikal-fundamentalistischen Terroristen auf eigenem Territorium
Erinnern wir uns: Nach dem 11. September nahm eine ganze Nation Rache für die feigen Attentate in New York und Washington und begann den Krieg in Afghanistan und im Irak, mit dem Ergebnis, dass beide Länder immer weiter im Chaos versanken und die Extremisten immer weiter erstarkten. Für den Westen war dies die erste erkennbare Konfrontation mit radikal-fundamentalistischen Terroristen, die sich auf einen Islam beriefen, der seine Wurzeln im arabischen antikolonialen Widerstand des 19. Jahrhunderts und in jüngerer Zeit in dem rigiden, intoleranten und sich absolut gebenden Wahhabismus Saudi Arabiens hat. Das Hause Saud, mit dem sich der Westen ironischer Weise verbunden hat, verurteilt zwar al-Qaida und den so genannten Islamischen Staat (IS), doch die Ideologie und das Geld der IS kommen aus dem Land und aus den anderen Golfstaaten. Dabei richtet sich der Fanatismus keinesfalls allein gegen den Westen, sondern gegen alle, die in den Augen der Wahhabiten oder Salafisten, wie sie sich lieber selber nennen, als „ungläubig“ gelten – also Schiiten, gemäßigte Sunniten, Christen, Juden, kurz alle, die ihrer Ansicht nach nicht dem „einzig wahren Glauben“ folgen.

Die Reaktionen des Westens trugen zur Destabilisierung im Nahen und Mittleren Osten bei
Es sei nochmal daran erinnert, dass der Westen in seiner eigenen Hybris glaubte, immer wieder nach seinem Gutdünken in den Nahen und Mittleren Osten eingreifen zu dürfen, um schließlich im besonderen Falle Iraks mit Hilfe gefälschter Beweise mit Waffengewalt einen Diktator zu stürzen, den er selbst über Jahrzehnte aufgebaut hatte. Nur dass dieser Diktator mit den Attentaten vom 11. September nichts zu tun hatte. Stattdessen wurde mit der kompletten Zerstörung der Infrastruktur und aller materiellen Grundlagen des Iraks ein großer Teil der ehemals starken und gut ausgebildeten Mittelschicht in den Extremismus getrieben, das einmal aufgrund seines Wohl- und Bildungstandes die besten Chancen auf Demokratisierung hatte.

Der Wunsch nach Vergeltung hatte bittere Folgen
Dass nun der Terror erneut in Europa Einzug gehalten hat, ist daher eigentlich, so furchtbar es klingt, keine Überraschung. Der Ruf nach Vergeltung ist verständlich, ja scheint geradezu natürlich zu sein, entspricht er doch einem uralten Bedürfnis nach Ausgleich: Wie Du mir – so ich Dir oder Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Doch noch einmal: was wurde bisher erreicht im Namen des Krieges gegen den Terror? Millionen von Toten, eine immer größere Radikalisierung, die Destabilisierung einer ganzen Region, die Verunglimpfung und der Missbrauch einer Religion und Millionen von Flüchtlingen, die der brutalen Auseinandersetzung und der Gewalt entfliehen wollen.

Die Zeit der einfachen und schnellen Lösungen ist vorbei
Die Lösung? Es wird keine einfache Lösung geben, keine komplette sowieso nicht und keine, die das Morden und die Radikalisierung sofort und schnell beenden kann. Das ist traurig und frustrierend, doch wir müssen erkennen, dass für schnelle Lösungen schon zu viel passiert ist, zu viel Blut geflossen ist. Die lange Geschichte der Einmischung des Westens im Orient und umgekehrt sowie die jüngere Geschichte des Terrors und des Kampfes dagegen, der mehr und mehr nach Europa und Amerika greift, wiegen zu schwer. Beides hat seine Spuren hinterlassen und kann nicht weggeredet oder wegdiskutiert werden. Und auf allen Seiten schreit man nach Rache und Vergeltung!

Die Anerkennung des einander zugefügten Leids kann ein erster Schritt sein
Ein Schritt auf dem langen Weg hin zu einer Lösung kann die Anerkennung des gegenseitig verursachten Leids und die der Opfer sein, die Konfrontation mit den Folgen dieses Leids – mit der Entwurzelung, der Traumatisierung - und die Würdigung der damit verbundenen Gefühle der Trauer, aber auch des Hasses und der Wut. Sie sind nur zu verständlich und müssen gesehen und anerkannt werden. Doch auf ihrer Grundlage zu handeln, wäre fatal.

Wir müssen unser Verhältnis zu den politischen Kräften
im Nahen und Mittleren Osten neu gestalten

Wir müssen bereit sein, zu erkennen, dass auch wir Mitschuld und auch Verantwortung tragen, weil wir Waffen in die Region lieferten und militärisch eingriffen oder aber weil wir solche Regime jahrzehntelang unterstützten, die eine intolerante und menschenverachtenden Ideologie vertreten, die sich die „einzig wahre Religion“ nennt. Es ist Zeit, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, und sich lieber mit gemäßigteren Kräften einzulassen, statt des eigenen Machtanspruchs wegen sich mit einer durch das Geld und den unermesslichen Ölreichtum korrumpierten Machtelite weiter zu verbünden und ihr zu erlauben, in ihrem Sinne in aller Welt und auch bei uns zu missionieren. Hier müssen Vertrauen entzogen und wirtschaftliche Verflechtungen, einschließlich des Waffenhandels, abgebrochen werden, sonst wird sich die Gewaltspirale weiter drehen und noch mehr Opfer fordern.

Versöhnung, nicht Vergeltung sollte unser gemeinsames, neues Ziel werden
Ein Krieg gegen Terroristen ist nicht zu gewinnen, vor allem nicht, wenn wir ihn durch das Geld, das wir für Öl bezahlt haben, indirekt mit finanzieren. Stattdessen sollten wir uns daran erinnern, dass Terrorismus ein Verbrechen ist und nur durch Polizeiarbeit, Aufklärung, die Mittel des Rechtsstaates und den Diskurs über politische, soziale, kulturelle und religiöse Ursachen ebenso wie über mögliche Lösungsansätze zu bewältigen ist. Auch gemeinsames Beten kann helfen! Wir müssen uns in die Augen schauen, so wie zuletzt in einer beeindruckenden Aktion von jungen Studentinnen und Studenten – israelischen und palästinensischen - , die sich für die Dauer von 30 Minuten gegenüber setzten, um sich einfach nur in die Augen zu schauen und dort zu erkennen, was man sich gegenseitig angetan hat. Es ist ein hoffnungsvolles Beispiel, geradezu eine prophetische Zeichenhandlung, mit der demonstriert wird, dass die "riskierte Nähe" einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit "Distanzwaffen" in seiner unmittelbaren Erfahrung etwas entgegen zu setzen hat. So kann Versöhnung auf Dauer gelingen.

Eine militärische Option kommt allenfalls nur dort in Frage, wo auch Krieg herrscht, und auch nur dann, um ihn zu beenden, und wenn klar ist, wie es danach weiter gehen soll.

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Jörgen Klussmann / 17.11.2015



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