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epd-Landesdienst West, 12.03.2012

Menschenrechtler kritisieren die Türkei

Massive Verletzung der Meinungsfreiheit und von Minderheitenrechten

Bonn (epd). Der Menschenrechtler Memo Sahin hat der Türkei eine massive Verletzung der Meinungsfreiheit und von Minderheitenrechten vorgeworfen. Politisch aktiven Kurden, Menschenrechtsrechtlern und kritischen Journalisten drohe die Verhaftung, sagte Sahin am Samstag in Bonn auf einer Tagung der evangelischen Akademie. Mehr als hundert Journalisten seien derzeit in der Türkei in Haft. Vor allem Berichte über Äußerungen von Vertretern der verbotenen kurdischen Organisation PKK würden als Propagandadelikte verfolgt.

Die kurdische Sprache unterliege trotz einiger Lockerungen weiter zahlreicher Verbote, betonte Sahin. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sende zwar mittler­weile kurdische Programme, aber Kinderprogramme dürften nicht ausgestrahlt werden.

Auch Kurdisch-Sprachkurse an türkischen Universitäten stehen Sahin zufolge nur Erwachsenen offen. In keiner Schule würden kurdische Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet. „So wird die Assimilation mit anderen Mitteln fortgesetzt", kritisierte der Menschenrechtler.

Die Glaubensgemeinschaft der Aleviten ist dem Kölner Islamwissenschaftler Yilmaz Kahraman zufolge in der Türkei ebenfalls benachteiligt. Das Alevitentum sei weiter nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt. Außerdem müssen alevi­tische Schulkinder laut dem Vertreter der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) weiter am sunnitisch-islamisch geprägten Pflicht-Religionsunterricht teilnehmen. Auch bei der Arbeitssuche hätten Aleviten schlechtere Chancen. Die gegenwärtige AKP-Regierung habe für die etwa acht bis 25 Millionen Aleviten keine Verbesserung gebracht. Das Alevitentum vereinigt islamische und nicht-islamische Einflüsse.

Der Integrationsforscher Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen hat auf der Tagung auf die Chancen und Potenziale der Integration in Deutschland hingewiesen. Integrationspolitik diene dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interesse, sagte Aver. Derzeit durchlaufe das Zusammenleben von Migranten und Mehrheitsgesellschaft einen Veränderungsprozess. „Die Gesellschaft wird bunter, und wir brauchen neue Konzepte des Zusammenlebens", betonte der Forscher.

Viele junge Türkeistämmige sind Aver zufolge in einem Identitätskonflikt. Sie fragten sich, wohin sie gehörten. Die jungen Leute würden sich weniger als Deutsche oder Türken definieren als vielmehr als Kölner oder Hamburger. Die türkische Regierungspartei AKP verfolge einerseits das Ziel, die Integration und den beruflichen Erfolg der Deutschtürken zu fördern. Andererseits wolle die Regierung in Ankara die Bindungen der Deutschtürken an die Türkei erhalten und eine völlige Assimilation an die deutsche Gesellschaft verhindern.

Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) West, 30.1.2012

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des epd-West 

epd-West / 12.3.2012


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