Logo Akademie

Blog von Studienleiter Jörgen Klußmann

500 Jahre Reformation - und jetzt? In seinem neuen Blogbeitrag lädt Jörgen Klußmann zum Gespräch darüber ein.

> weitere Informationen

Termine

Hier finden Sie Termine aus dem Themenbereich Politik.

> weitere Informationen

Kommentar zu den Demonstrationen gegen eine Islamisierung Deutschlands

Pegida: Ausdruck von Unverständnis und unreflektierter Angst

Im Dezember 2014 mobilisierten die Anhänger der "Patriotischen Europäer Gegen Islamisierung Des Abendlandes" , der sogenannten Pegida-Bewegung, bei ihrer Montags-Demonstration in Dresden 17.500 Menschen. Ein Kommentar dazu von Jörgen Klußmann.

Studienleiter Jörgen Klußmann Studienleiter Jörgen Klußmann

Da sind sie also,  die ersten Großdemos gegen die Islamisierung Deutschland, vor allem in Dresden, aber auch in anderen Städten wie München, Kassel oder Bonn, und die Zahl derer, die daran teilnehmen, steigt von Mal zu Mal. Befürchtet hatten Parteien,  Kirchen und Gewerkschaften eine solche Entwicklung schon lange. Und nun?

Rechtspopulistische Bewegung hat auch Deutschland erreicht 
Alle Warnungen vor der Möglichkeit solcher rechtspopulistischen Bündnisse wurden bislang in den Wind geschlagen. Doch jetzt hat die in Frankreich, Dänemark, Schweden, den Niederlanden, Griechenland und zahlreichen anderen europäischen Staaten bereits eingetretene Entwicklung, dass sich Rechtspopulisten in den vergangenen Jahren immer stärker etablieren konnten, auch Deutschland erreicht. Es war lediglich eine Frage der Zeit.

Rechtspopulisten schüren Vorurteile und eine generelle Ablehnung des Islam
Bereits seit einigen Jahren haben sich rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien wie z.B. Pro NRW und zahlreiche anti-islamische Foren im Internet gegen die Gleichstellung von Muslimen und deren freie Religionsausübung, wie sie im Grundgesetz verankert ist, ausgesprochen. Dabei geht es weniger um konkrete Vorwürfe als vielmehr um eine generelle Ablehnung der Muslime und des Islam, weil dieser angeblich gewaltbereiter, frauenfeindlicher und antidemokratischer als andere Religionen sei. Die Ereignisse im Irak und in Syrien verstärken die Vorbehalte noch und durch Meldungen über die Zunahme salafistischer und radikalislamistischer Aktivitäten hierzulande erhalten sie zusätzlich Nahrung. Toleranz und das Bemühen um einen christlich-islamischen Dialog verlieren im Einflussbereich dieser Gruppen an Boden.

Doch nur eine verschwindend geringe Zahl der in Deutschland lebenden Muslime ist gewaltbereit 
Tatsache ist, dass die Migration nach Deutschland, gegen die sich die Demonstrationen auch richten,  zugenommen hat. Doch alle Wirtschafts- und Sozialdaten zeigen, dass diese Zuwanderung mit Blick auf unser Gemeinwesen sinnvoll ist. Zudem sind nur die wenigsten der Menschen, die nach Deutschland kommen, Muslime. Tatsache ist auch, dass die Zahl der Anhänger eines radikalen Islams weiter zunimmt. Doch lässt sich dies auch als Gegenreaktion auf die anhaltende Verteufelung des Islam und die mangelnden Perspektiven von Muslimen, vor allen Dingen von jungen Muslimen, deuten. Denn der Druck auf hier lebende Muslime wächst mit den Protesten weiter an. Von den ca. 4 Millionen Muslimen ist aber nur ein verschwindend geringer Teil tatsächlich radikal. Der Verfassungsschutz berichtet von ein paar tausend radikalen Muslimen, von denen wiederum nur ein Bruchteil gewaltbereit ist.

Die Kritik am Islam ist vor allem unreflektiert und selbstgerecht
Die Kritik der Pegida-Bewegung am Islam ist vor allem unreflektiert und selbstgerecht. Wer sich mit der Geschichte der Religionen auseinandergesetzt, dem wird bewusst, dass jede Religion auch Gewaltpotentiale hat, wie es z.B. in unserer Geschichte die Kreuzzüge des 11. bis 13. Jahrhunderts belegen.Wer sich mit dem Islam beschäftigt hat, der weiß darüber hinaus, dass der heute sichtbare Fanatismus eine relativ neue Entwicklung ist. Zwar hat es schon in vergangenen Jahrhunderten immer wieder Fanatiker im Islam gegeben. Doch ihre Zahl war immer gering und sie wurden stets mit aller Härte bekämpft. Vielleicht lag die geringe Durchsetzungskraft der Extremisten auch daran, dass die Deutungshoheit über theologische und politische Grundsatzfragen in der islamischen Welt den Gelehrten überlassen wurde, die dafür sorgten, dass die konservativen Kräfte sich am Ende immer durchsetzten. Es gab also wenig zu beanstanden, die Ordnung blieb erhalten und das Recht wurde beachtet.

Die islamische Welt muss nach neuen, eigenen Wegen suchen 
Doch nach dem Fall des Kalifats im frühen 20. Jahrhundert und damit dem Zerfall einer originären islamischen politischen Ordnung, kam es unter dem Eindruck des Nationalismus und des Imperialismus zu einer Rückbesinnung auf die Zeit des Propheten und seiner ersten Nachfolger. Doch statt von dort aus nach neuen Interpretationen und neuen Formen für einen zeitgemäßen Islam zu suchen, wurde diese Rückbesinnung immer radikaler und engstirniger. Dazu trug auch bei, dass die alten Stätten der islamischen Gelehrsamkeit und der Förderung von Bildung und Wissen zusammen mit den alten politischen Strukturen immer weiter an Bedeutung verloren und schliesslich sogar ganz untergingen.

Während Europa und der Westen aufblühten und immer stärker wurden, zerfiel das islamische Weltreich in zahlreiche kleine Einflussgebiete von lokalen Fürsten und selbst ernannten Potentaten. Dann kam der Kolonialismus und brachte die islamische Welt unter den direkten Einfluss der Europäer. Nur wenige Gebiete wie das heutige Saudi-Arabien oder das alte Persien blieben unabhängig. Hier versuchten die neuen Machthaber eigene Wege zu gehen. Doch scheiterten deren  hochtrabenden Pläne wie der des Panarabismus oder des arabischen Sozialismus oder der pro-westlichen Monarchien häufig am Machtbewusstsein und am Machtwillen der neuen Eliten. Die neuen politischen Gebilde währten nur kurz und konnten keine dauerhafte Ordnung etablieren. Seitdem sucht die islamische Welt nach eigenen Wegen.

Selbst der Ölreichtum, an dem sich nur einige wenige Länder erfreuen, hat keine wirklich stabilisierende Wirkung entfalten können. Im Gegenteil: Die dortigen Machthaber haben sich nur durch umfangreiche Sozialleistungen das Wohlwollen ihrer Bürger erkaufen können. Gleichzeitig versuchten sowohl der Westen als auch der Osten die Öl-Region mit den bekannten Folgen unter ihren Einfluss zu bringen.

Die Pegida-Bewegung sagt etwas aus über unsere Gesellschaft 
Wenn nun also die Pegida-Bewegung vor allem in Ostdeutschland an Zulauf gewinnt und ihre Anhänger ihre diffusen Ängste, die von Medien und selbsternannten Wächtern eines ebenso diffusen Deutschlandbildes geschürt werden, zum Ausdruck bringen, so sagt das etwas aus über unsere Gesellschaft. Zum einen wird deutlich, dass es in der deutschen Bevölkerung bei einigen die Bereitschaft gibt , an bestehende Vorurteile anzuknüpfen. Noch ist das eine Minderheit, aber eine wachsende Minderheit. Zum anderen wird klar, dass das Konzept der Rechtspopulisten aufgegangen ist, die sich bereits vorhandene Ressentiments zu Nutze machten. Dies ist insgesamt eine beschämende Entwicklung. Welche Rezepte gibt es gegen diese Ignoranz?

Aufklärung, Bildung und ein innerislamischer Dialog sind notwendig
Aufklärung der Bürger sowohl im Hinblick auf den Islam als auch im Hinblick auf die Notwendigkeit und die Chancen von Zuwanderung einerseits, weitere und bessere Integrationsmassnahmen für Muslime, insbesondere für junge Muslime, andererseits sind wirksame Mittel dagegen. Späte Empörung und heuchlerische Solidarisierung mit den Betroffenen sind dagegen keine erfolgversprechenden Rezepte.

Und was die radikalen Islamisten anbelangt: Hier kann auf Dauer nur ein neuer theologischer und politischer Diskurs unter den Muslimen helfen, um diese Tendenzen zu stoppen. Dafür brauchen sie die Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft, keine weitere Ausgrenzung.

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

Jörgen Klußmann M.A. / 23.12.2014



© 2018, „Fremd-Vertraut“ - Evangelische Akademie im Rheinland
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung