Vom Stiefkind der Europäischen Union zur selbstbewussten Regionalmacht

Blickpunkt: Türkei

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Welchen Preis hat der Aufstieg? - Diese und weitere Fragen im Zusammenhang mit der Innen- und Außenpolitik des EU-Beitrittskandidaten stellte am 9. und 10. März 2012 eine Tagung an der Akademie. 

Blick auf Istanbul. Foto Aviator70 - fotolia.com LupeBlick auf Istanbul. Foto Aviator70 - fotolia.com

Deutschland und die Türkei haben viele Berührungspunkte: Circa 2,5 Millionen Menschen türkischer Herkunft leben in Deutschland. Es gibt intensive Wirtschaftsbeziehungen und als Reiseland ist die Türkei äußerst beliebt. Grund genug, dieses Land, dessen Beitritt in die Europäische Union noch diskutiert wird, in den Mittelpunkt einer Akademie-Tagung zu stellen:  

Die Türkei –
vom Stiefkind der Europäischen Union zur selbstbewussten Regionalmacht

Freitag, 9. März,  bis Samstag, 10. März 2012  

Seit der Regierungsübernahme der gemäßigt islamischen Partei AKP von Recep Tayyip Erdogăn hat sich die Türkei in den letzten Jahren zur Regionalmacht entwickelt. Wirtschaftliches Wachstum, mehr Liberalisierung und außenpolitische Erfolge haben sie zu einem selbstbewussten Akteur gemacht, dessen Rat sowohl im Nahen Osten als auch in Nordafrika gesucht wird.

Die Türkei geht Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union heute als selbstbewusste Regionalmacht an 
Das Land gilt als Vorbild für die Demokratiebewegungen des Arabischen Frühlings und als selbstbewusster Partner im europäisch-arabischen Dialog. Vor diesem Hintergrund geht die Türkei heute die Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union (EU) nicht mehr als Bittsteller, sondern als selbstbewusste Regionalmacht an.

Aber: Konflikte und Probleme in der Innenpolitik bestehen weiterhin
Doch hinter den Kulissen gibt es aber erhebliche Schwierigkeiten. Der neu entflammte Konflikte mit der PKK und die Spannungen zwischen dem Militär und der Regierung sind eine Hypothek. Hinzu kommen besorgniserregende Einschränkungen der Menschen- und Bürgerrechte sowie der Rechte von religiösen Minderheiten.  

Bei der Tagung kommen insbesondere türkische Experten zu Wort
Die Tagung griff diese unterschiedlichen Aspekte auf. Studienleiter Jörgen Klussmann und sein Kooperationspartner Dr. Hidir Celik, Leiter der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit des Kirchenkreises Bonn, legten dabei Wert darauf, vor allem Experten aus der Türkei selbst als Referenten zu gewinnen.

Professor Dr. Harun Gümrükçü: Die Türkei - vom Osmanischen Reich zum modernen Staat
Den Eröffnungsvortrag hielt Professor Dr. Harun Gümrükçü von der Akdeniz University, Ankara:
Die Türkei - Historische Eckdaten - Vom Osmanischen Reich zum modernen Staat
Der Jurist Gümrükçü lehrt am Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. In einer weiteren Funktion ist der Vorsitzender des Untersuchungsausschusses für Visafreiheit in Europa.

"Von der Militärdiktatur zur Demokratie unter der AKP?" - Überlegungen von Hürriyet-Chefkorrespondent Ahmet Külahci 
Mit der Frage „Von der Militärdiktatur zur Demokratie unter der AKP?“ beschäftigte sich der Berliner Chefkorrespondent der türkischen Tageszeitung Hürriyet, Ahmet Külahci, in seinem Beitrag.

Professor Dr. Hüseyin Bagci: Die Außenpolitik der Türkei
Die Außenpolitik der Türkei stand im Mittelpunkt der Ausführungen von Professor Dr. Hüseyin Bagci. Bagci ist Professor für internationale Beziehungen an der Middle East Technical University in Ankara und dort auch stellvertretender Vorsitzender des Zentrums für europäische Studien. Er hat verschiedene Publikationen zur türkischen Außenpolitik herausgegeben und arbeitet zudem als TV-Kommentator und Kolumnist für die Turkish Daily News in Ankara. 

Friedensforscher Andreas Buro sprach über den Konflikt mit der PKK 
Mit der Frage: „Ist der Kampf mit der PKK nur eine Frage des Terrorismus?“ setzte sich der Friedens- und Konfliktforscher Professor Andreas Buro in seinem Beitrag auseinander.

Blick auf die innenpolitische Lage: Wie steht es um die Situation von Minderheiten?
Auf die aktuelle Situation von Minderheiten in der Türkei gingen der Menschenrechtler Memo Sahin und Yilmaz Kahraman von der Alevitischen Gemeinde Deutschland ein. Während Sahin den Umgang mit den Menschen - und Bürgerrechten in den Blick nahm, stand bei Yilmaz Kahraman die Situation von religiösen Minderheiten im Blickpunkt.

Blickwechsel: die Situation Türkeistämmiger in Deutschland
Der abschließende Beitrag von Caner Aver, Integrationsforscher von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen, lenkte den Blick auf die Situation Türkeistämmiger im Deutschland und die Rolle der Türkei im Integrationsprozess. Diese Fragestellung hat angesichts der am 1. März vom Bundesinnenmisterium veröffentlichten Studie zu jungen Muslime in Deutschland noch einmal an Aktualität gewonnen. Die Studie wird derzeit kontrovers diskutiert.   

Einen epd-Bericht über die Tagung können Sie hier nachlesen. 

 

 

hbl / 12.03.2012